Was tut wütenden Kindern eigentlich gut und warum „Sei still“ keine gute Idee ist


Wenn Kinder wütend sind, kann uns das Erwachsene ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen. Wir tun meistens alles daran, sie zu beruhigen. Ist das wirklich gut? Wie sollten wir mit kindlicher Wut am besten umgehen?

Ist es jetzt gut oder falsch „Sei still!“ zu sagen?

Ich selbst habe noch keine Kinder und nur durch das Babysitten und meine Arbeit in der Kinderanimation ein bisschen in den Alltag von Kleinkindern reinschnuppern können. Natürlich habe ich auch den ein oder anderen Wutausbruch miterlebt, bei dem ich nicht so recht wusste, wohin mit mir.

Das Kind einfach machen lassen? Ihm seinen Willen geben? Kinder einfach schreien zu lassen?

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen unfassbar peinlichen Moment, als ich mit meinem Babysitterkind in der U-Bahn war und ich sie mehrmals darum gebeten habe, sich nicht auf den Sitz zu stellen, sondern richtig hinzusetzen und sich gut festzuhalten. Sie wollte partout nicht auf mich hören, wurde laut und hat irgendwann angefangen zu schreien, als ich ihre Hand nehmen wollte, damit sie etwas mehr Stabilität hat. Die Geschichte hat damit geendet, das wir frühzeitig ausgestiegen und die restlichen drei Stationen gelaufen sind, weil sie einfach keine Ruhe gegeben und den ganzen Waggon zusammengeschrien hat.

Und ja, ohne, dass ich es verhindern konnte, kamen Sätze wie „Sei jetzt bitte ruhig!“ und „Schrei doch nicht so rum!“ über meine Lippen. Ich hatte nicht groß weiter darüber nachgedacht, ich war müde und frustriert. Manchmal muss man eben lauter werden, dachte ich mir.

Oder?

Nachdem ich bei der Seite Awareness Act auf einen Artikel stoß, der „Stop Teaching Children To Never Be Angry – Teach Them How To Be Angry“ hieß, wurde ich hellhörig.

Der Beitrag thematisiert den Umgang mit Kindern und ihren Emotionen. Anstatt ihnen ihre Gefühle abzusprechen („Sei nicht sauer“), soll vielmehr nach dem Grund des Gefühlsausbruchs geforscht werden.

„Wie fühlst du dich?“

Zunächst soll es darum gehen, herauszufinden, was in dem Kind überhaupt vorgeht. Ist es sauer? Traurig? Frustriert? Verärgert? Enttäuscht?

Diese Fragen sollen genau drei Dinge bezwecken:

Erstens soll das Kind sich mitteilen und die Eltern dadurch nicht im Unklaren lassen, warum es reagiert, wie es reagiert.

Zweitens soll das Kind auf diese Weise selbst lernen, seine Gefühle zu erkennen. Ich kenne genügend Leute in meinem Alter, die ihre eigenen Gefühle selbst nicht erkennen und kaum darüber reden können (weil eben auch nie darüber geredet wurde).

Drittens soll das Kind lernen, über seine Gefühle zu reden. Es ist immer etwas schambehaftet, sich besonders unangenehmen Gefühlen zu stellen, aber je früher man die Schwelle der Peinlichkeit überschreitet, desto leichter wird es in der Zukunft – für Kinder und Eltern.

„Deine Gefühle sind trotz allem berechtigt!“

Besonders wichtig ist, den Kindern NIEMALS die eigenen Gefühle abzusprechen. Das eigene Empfinden ist immer real und echt. Jede/r hat seine/ihre eigene Grenze. Sprüche wie: „Sei nicht traurig“ oder „Das ist jetzt übertrieben“ sind völlig überflüssig. Außerdem ist zu beachten, dass das Empfinden von Kids manchmal um einiges intensiver sein kann, weil Kinder weniger reflektiert und rational denken wie Erwachsene.

„Okay, dann mach doch.“

In dem Artikel steht, dass Eltern die Kinder eben „machen“ lassen sollen, auch wenn es den Eltern gerade nicht passt. Sei es ein Kleidungsstück oder eine Frisur, die den Eltern nicht passt. Ich würde hierbei allerdings unbedingt ergänzen, dass bestimmte Regeln trotzdem sinnvoll wären, damit das Kind Grenzen lernt und nicht zu verstehen lernt, dass es immer alles kriegt, was es will.

Aber wäre diese Regelung auch auf meine U-Bahn Situation anwendbar? Schließlich gefährde ich doch die Sicherheit des Kindes, wenn ich sie einfach herumstehen lasse, während die Bahn vor sich hin schuckelt? Es machen lassen“ wäre also keine Lösung. Vermutlich würde ich fast alles genauso machen, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Ich würde nur eine Sache ergänzen: In einem ruhigen Moment nochmal auf die Situation zu sprechen kommen und ausführlich erklären, warum es wichtig ist, sich in der U-Bahn festzuhalten.

„Ich gehe so und so damit um!“

Das Ziel sollte weder sein, die Gefühle bei anderen herauszuschreien noch sie für immer zu verdrängen. Wichtig ist, ein Ventil zu finden und dabei können Eltern Vorbilder sein und erklären, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen.

„Mir hilft es, wenn ich Fahrrad fahre. Dann lenke ich mich ab und kriege den Kopf frei.“

„Wenn ich so richtig wütend bin, dann haue ich auch mal gegen ein Kissen.“

„Wenn ich traurig bin, dann schaue ich mir diesen lustigen Film an, der mich zum Lachen bringt.“

„Ich bin für dich da!“

Das wohl wichtigste ist, seine Kids wissen zu lassen, dass ihre „Aufpasspersonen“, also Eltern oder der Babysitter wie ich, immer für sie da sind – sowohl bei schönen Momenten als auch bei schlechten. Das Kind wird angenommen und wenn es mal schreit, dann ist es so. Aber anschließend wird darüber geredet.

Was ist eure Meinung dazu? Wie geht ihr mit wütenden Kindern um?

Übrigens, Béa meint, dass das Buch von Nora Imlau richtig wertvoll ist:

So viel Freude, so viel Wut: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten

(affiliate Link, also Mini-Werbung)

Liebe Grüße,

Mounia

Ihr wollt euch den Beitrag merken? Béa hat einen prima Spruch zum Thema Wut an ihrer Lampe – auch für Erwachsene ein spannender Impuls:

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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