Bedürfnis oder Strategie? Das ist hier die Frage!


Kennt ihr den Unterschied zwischen Bedürfnis und Strategie und wie sich das auf eure gesamten zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt? Ich war sehr erstaunt, als ich mir darüber bewusst geworden bin.

Hier ein Beispiel für die Unterscheidung zwischen Strategie und Bedürfnis:

Bevor ich danach in die Theorie abtauche und im Detail einige Bedürfnisse aufzähle, die alle Menschen haben: Ja, Bedürfnisse sind universell und bei allen Menschen gleich (wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt).


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Ihr seht euer Kind freudig im Wohnzimmer, wie es euch ein selbst gezeichnetes Kunstwerk aus den unterschiedlichsten Farben auf dem Laminatboden präsentiert. Die Eddings liegen noch offen daneben. Die Augen eures Kindes strahlen euch erwartungsvoll an:

Tja nun.

Was ich hier zeigen möchte: Die Strategie des Kindes war. ein buntes Bild zu malen – auf dem Laminat.
Das Bedürfnis dahinter?
Ja, das ist wichtig! Denn vielleicht wollte euer Kind euch eine Freude machen.
Vielleicht war das Bedürfnis auch: Kreativität.

Die Strategie mag mir nicht gefallen: Das Bedürfnis dahinter zu sehen ist verbindend!

Wäre ich wütend? Nein, im ersten Moment würden mir wohl die Worte fehlen und ich hätte kurz Schnappatmung.

Ich würde allerdings spüren, was mein Kind eigentlich wollte: Mir eine Freude machen. Und dann könnten wir gemeinsam besprechen, was eine auch für mich angenehme Strategie wäre: Ein Bild auf einem Zeichenblock.

Was wir oft hinterher bedauern, sind unsere Strategien, nicht unsere Bedürfnisse!

Und es gibt so viele unterschiedliche Strategien, wie wir Bedürfnisse erfüllen können. Manchmal sind wir festgefahren oder haben uns auf bestimmte Strategien eingeschossen. Manchmal kennen wir keine anderen Strategien und ja, es gibt auch Lieblingsstrategien.

Was sind denn nun Bedürfnisse?
Hier mal ein paar Beispiele und eine ausführliche Liste könnt ihr verlinkt hier finden:

Autonomie, Authentizität, Beständigkeit, Bewegung,
Freiheit, Feiern, Frieden, Geborgenheit, Gleichwertigkeit,
Harmonie, Entfaltung, Entspannung, Entwicklung, Intimität,
Klarheit, Kommunikation, Kongruenz, Kontakt, Kreativität,
Lernen, Teilnahme, Wahrhaftigkeit, Verständnis,
Wachstum, Wahlmöglichkeiten, Spiel, Spaß, Menschlichkeit,
Mitbestimmung, Zuneigung, Sicherheit, Stille, Wissen, Würde, Empathie…

Es gibt so viele!

Und eins davon ist „Aufmerksamkeit“.
Wenn ich also manchmal höre und lese: „Ach, er / sie wollte nur Aufmerksamkeit!“

Ja, das wollte dieser Mensch vielleicht und das Bedürfnis ist vollkommen OK! Was die anderen Menschen dann vielleicht verärgert, ist die Strategie – wie jemand versucht, sich das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit zu erfüllen. Und hier liegt eben der große Unterschied!


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„Alle Konflikte, Streitigkeiten, Kriege dieser Welt laufen auf der Strategieebene ab.
Nachhaltig gelöst werden, können sie nur auf der Bedürfnisebene.“
Marshall B. Rosenberg

Wie oft verwechseln wir eigentlich Bedürfnisse und Strategien?

„Ich habe das Bedürfnis nach einem Spaziergang.“ Der Spaziergang ist eine Strategie. Was ist mein Bedürfnis dahinter? Bewegung, Entspannung, Alleinsein: Das und vieles mehr sind die möglichen Bedürfnisse dazu.

Wo das vor allem eine Rolle spielt ist dann, wenn unsere vermeintlichen Bedürfnisse nicht erfüllt werden können. Und wir vielleicht verärgert sind.
Ich zum Beispiel bin gerade in Quarantäne mit meinen Jungs. Und ich habe sehr oft das Bedürfnis nach einem Spaziergang. Natürlich geht das gerade nicht! Mein Bedürfnis ist die Bewegung.
Also laufe ich durch die Wohnung oder auf dem Balkon auf und ab.
Klar würde ich die Strategie „Spaziergang um den See“ bevorzugen!

Oder ich habe das Bedürfnis nach Ruhe. Hier gestehe ich mir ein: Ich habe meine Kinder früher zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Bett geschickt. Ich wollte mir das Bedürfnis dadurch erfüllen, die Beine hochzulegen und nicht mehr vom Sofa aufzustehen. Meine Kinder hätten doch noch leise in ihrem Zimmer spielen können oder lesen. Ich wollte allerdings unbedingt meine Strategie umsetzen!

Stellt euch vor, ihr möchtet euch mit einer Freundin verabreden. Ihr möchtet in ein Café, sie möchte lieber zu Hause bleiben. Ist dies das Ende einer möglichen Verabredung? Nicht unbedingt, denn es kommt ja auf das Bedürfnis dahinter an.
Habt ihr das Bedürfnis nach Kommunikation und Verbindung? Da ist ein Telefonat doch auch eine Möglichkeit oder ihr trefft euch bei ihr zu Hause. Wenn ihr allerdings das Bedürfnis nach Spaß und Feiern habt, eher weniger.
Sich allerdings erst mal auf die wirkliche Bedürfnisebene zu bewegen, herausfinden was beide möchten, kann auch Strategien möglich machen, die beide Menschen bereichern.

Was ist mit dem Bedürfnis nach Nähe?

In der Theorie kann ich mir das schon mit vielen Menschen ermöglichen. Nur renne ich nun mal nicht (auch nicht vor Corona!) auf die Straße und umarme den nächsten Menschen, der mir begegnet. Ja, manchmal haben wir schon unsere Lieblingsstrategie und Menschen, mit denen wir uns die Bedürfnisse am liebsten erfüllen! Auch wenn theoretisch die Erfüllung unserer Bedürfnisse unabhängig von bestimmten Personen ist.

Anderes Beispiel: Entspannung.
Ich kenne Menschen, die entspannen ganz wunderbar mit lautem Death Metal auf den Ohren.
Und ich kenne Menschen, die am liebsten in die Badewanne steigen und die Welt ausschließen.
Wie auch immer, das sind Strategien. Was immer gleich ist, ist das Bedürfnis nach Entspannung.

Wir haben eine Fülle von Strategien zur Verfügung, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen!

Gerade im zwischenmenschlichen Bereich ist es manchmal notwendig eine andere Strategie zu nutzen, damit es nicht zu Konflikten kommt und nicht auf einer zu beharren. Dafür ist es allerdings nötig, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Sich an bestimmte Strategien zu klammern und darauf zu bestehen, das führt zu Frust und Auseinandersetzungen. Nicht die Bedürfnisse dahinter!

Wenn wir uns auf bestimmte Strategien fokussieren und daran festhalten, entstehen auch Gefühle von Mangel. Gerade jetzt in der Quarantäne versuche ich mir meine Bedürfnisse schon mit anderen Strategien zu erfüllen.
Verbindung und Kontakt: Da gehen eben nur Telefonate und Chats.
Und wie bereits oben erwähnt: Bewegung in der Wohnung, statt draußen.

Es ist unglaublich befreiend, nicht mehr an bestimmten Strategien zu hängen.
Und es ist verbindend, nährt die Beziehungen mit anderen Menschen.
Es gibt so viele Möglichkeiten!
Gerade also in Konflikten lohnt es sich, darauf zu schauen.

Das nächste Mal also, wenn ihr ein vermeintlich unerfülltes Bedürfnis spürt und in einem Konflikt mit einem Menschen seid: Ist es wirklich euer Bedürfnis oder wird nur eure gewünschte Strategie nicht erfüllt?

Eure mindfulsun

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