Passiv aggressiv sind wir alle mal… Doch auch das ist eine Form von emotionaler Gewalt!


Gewalt tritt in allen möglichen Formen auf. Mal ist sie körperlich, mal psychisch. Heute möchte ich über passiv aggressives Verhalten sprechen, denn auch das ist eine Form von emotionaler Gewalt!

Was bedeutet „passiv aggressiv“?

Auch dieser Begriff lässt sich gut erklären, indem er in seine Einzelteile zerlegt wird. Wir haben das Wort „passiv“ und „aggressiv“. Was „aggressiv“ bedeutet, muss ich niemandem erklären, und „passiv“ eigentlich auch nicht. Zusammen bilden beide Worte ein Verhalten, in dem verbale Aggression unterschwellig Auftritt – so unterschwellig, dass das Gegenüber oder die Person selbst es oft nicht einmal merken


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Zum Beispiel drückt sich passiv aggressives Verhalten in spitzen Kommentaren aus. Kleine, unterschwellige Vorwürfe, die einen Streit provozieren oder bewusst verletzen sollen.

Das Absurde ist, dass die Person, die spricht, oft ganz ruhig bleibt. Der Vorwurf kommt also nicht laut und schreiend aus einem heraus, sondern manchmal ganz leise und unschuldig. Und doch ist es ein Vorwurf.

Passiv aggressives Verhalten erkennen

Folgende Symptome sind typisch für ein passiv aggressives Verhalten – siehe auch das Thema Doppelbotschaften – von mindfulsun:

„Ja, alles okay“ sagen, obwohl es das ganz offensichtlich nicht ist, und stattdessen sein genervtes Verhalten sprechen lassen

Oder:

„Okay, mir egal“ sagen, obwohl auch das nicht der Fall ist

Überhaupt, genau das Gegenteil von dem behaupten, was eigentlich der Fall ist, aber es die Person unterschwellig trotzdem wissen lassen.

Doch auch so ein Kommentar ist sehr typisch:

„Nicht schlimm, dass du zu spät kommst, ich bin ja sowieso nichts anderes von dir gewohnt.“

Die Person besänftigt ihr Gegenüber zunächst einmal damit, dass die Verspätung kein Problem sei, wirft ihm jedoch auch im selben Atemzug vor, dass sie oft so behandelt wird.

Warum sind Menschen passiv aggressiv?

Es wäre leicht zu behaupten, dass Menschen einem einfach nur etwas Böses wollen, aber oft stimmt das gar nicht. Passiv aggressives Verhalten geht oft von den Konfliktscheuen aus; denjenigen, die eigentlich nicht streiten wollen und nicht bewusst böse meinen. Zudem sind wir auch meist zu denjenigen passiv aggressiv, die uns eigentlich etwas bedeuten.

Doch das Phänomen geht eigentlich noch viel tiefer. Passiv aggressives Verhalten hängen stets mit „unerwünschten“ Emotionen zusammen, die wir uns eigentlich nicht erlauben wollen, zum Beispiel Wut oder Neid. Wir wollen sie nicht fühlen und verdrängen sie, und entladen sie auf eine andere – passiv aggressive Weise.

Ursprung für passiv aggressives Verhalten

Jetzt mal zu einem Spruch, der mir neulich richtige Gänsehaut bereitet hat:

Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, reproduzieren diese im späteren Leben ebenfalls.

Das lässt sich natürlich nicht pauschalisieren, aber die Tendenz ist trotzdem sehr hoch. Menschen, die Gewalt erleben, neigen dazu, später ebenfalls Gewalt auszuüben – ob nun gegen andere oder nur gegen sich selbst.

Passiv-aggressives Verhalten bildet sich oftmals schon in der Kindheit.

Kinder, die Emotionen wie Wut nicht zeigen durften, lernen, dass diese falsch sind und zu unterdrücken gelten.

Kinder, die sich immer zurücknehmen und nie Raum für sich und ihre Gefühle/Meinung kriegen, verinnerlichen, dass ihre Meinung sowieso nicht zählt.

Kinder, die sich das passiv aggressive Verhalten der Eltern abgucken, verinnerlichen, dass das eine Form der Kommunikation ist.

Absurderweise beginnt schon da der Groll, der so tief in uns schlummert, und mit jedem Mal, in dem wir enttäuscht werden, erneut in die Kerbe haut. Nach dem Motto:

„Klar, dass xy mir wieder schon zu spät kommt, mit mir kann man es ja machen. Ist ja nicht so, dass ich für irgendwen wichtig bin…“

Wir halten also fest, dass Menschen, die passiv aggressiv sind, eigentlich ebenfalls verletzte Seelen sind, die ihre Emotionen auf eine völlig falsche Weise kanalisieren.

Passiv aggressives Verhalten ist auch eine Form von Gewalt!

Und doch möchte ich auch betonen, dass passiv aggressives Verhalten nichts anderes als emotionale Gewalt ist. Sie ist unterschwellig und nicht ganz so sichtbar wie eine Backpfeife, doch auch sie richtet ihren inneren Schaden an. Menschen, die ständig passiv aggressives Verhalten erfahren, werden konstant verletzt. Es mag zwar jedes Mal nur ein kleiner Hieb sein, aber dieser Hieb tut weh, so sehr, dass man irgendwann gebrandmarkt ist.


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Nicht Klartext zu sprechen, beeinflusst außerdem die gesunde Kommunikation zwischen zwei Menschen, da die Person sich nie eindeutig sicher sein kann, ob wirklich „alles okay“ ist. Wenn wir ständig Streitthemen ausweichen, verschwinden sie nicht, im Gegenteil. Sie brodeln nur weiter in uns – und dadurch leiden nicht nur wir, sondern auch diejenigen, zu denen wir passiv aggressiv sind.

Und wieder komme ich zum selben Fazit wie so oft:

Wir müssen lernen, uns zu streiten.

(Béa sagt, sie möchte nichts „müssen“, lässt es aber hier stehen… 🙂 

Streitereien sind normal und gehören dazu. Lieber setzen wir uns einmal mit dem Problem auseinander, als es ständig unterschwellig rauszuholen. Lieber sagen wir, was uns auf dem Herzen liegt, als davon auszugehen, dass die Person schon selbst darauf kommen wird, wenn wir ihr ein paar unsichtbare Hiebe verteilen. Wobei wir bei Argumentationen trotzdem auch an gewaltfreie Kommunikation denken sollten!

Passiv aggressives Verhalten ist menschlich – trotzdem muss uns klar sein, dass dieses Verhalten für niemanden gesund ist.

Ich denke dabei stets an ein Paar aus dem Bekanntenkreis, dessen Frau ihrem Mann, seitdem er entschieden hat, dass er keine weiteren Kinder mehr will, stets jede liebevolle Nähe verweigert. Und ihn in schnippischen Kommentaren stets wissen lässt, dass er selbst daran schuld sei. Das ist eindeutig emotionale Gewalt.

In diesem Beitrag in Psychologie Heute ist auch die Rede von Gegenwehr:

Der schlimmste Fehler beim Umgang mit passiv-aggressivem Verhalten seines Gegenübers: sich provozieren lassen – und dann mit genau der Wut zu reagieren, die der andere in sich versteckt und sich nicht zu zeigen traut. Um nicht in diese Falle zu gehen, ist es wichtig, dieses Verhalten möglichst rasch zu erkennen – und dann bewusst überlegt und ruhig zu bleiben, raten die Sozialarbeiterin Jody E. Long und ihre Koautoren in dem Buch The Angry Smile. Ein Warnzeichen, das sie aufzählen: Das Gegenüber zeigt immer wiederkehrend abblockende, verzögernde Reaktionen, die einen ärgern, ohne dass jede einzelne es wert erscheint, darauf zu reagieren.

Eric Barker, Autor von Karriereratgebern, warnt vor dem Versuch, sich in das passiv-aggressive Gegenüber hineinversetzen zu wollen. Stattdessen sollte man klar bei sich bleiben und sich auf wichtige Gespräche mit solchen Menschen gut vorbereiten. Seine Tipps: die Taktiken enttarnen, keine Entschuldigungen akzeptieren, nur Handlungen, nicht aber bloße Absichtserklärungen bewerten. Klare Ansagen machen und klare Antworten einfordern.

Da Tollabea ein Familienblog ist und sich passiv aggressives Verhalten sehr oft im vertrauten Familienkreis abspielt, war es mir wichtig, ein wenig über das Thema aufzuklären. Wahrscheinlich war vielen von euch der Begriff ohnehin bekannt, aber vielleicht habt ihr nun einen etwas ausführlicheren Blick darauf bekommen.

Abschließend noch meine Fragen:

Könnt ihr passiv aggressives Verhalten schnell erkennen?
Und wenn ja, wie geht ihr damit um?

Mehr zum Thema „Streit“ findet ihr hier:

Zwischen Diskussionen und Kontern – Warum müssen wir einen Streit überhaupt „gewinnen“?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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