Ich-Botschaften: Auch bei Kindern sorgen sie für bessere Kommunikation!


Wir haben hier öfters mal über Ich-Botschaften geschrieben, aber sie immer nur eher kurz angerissen. Unsere Achtsamkeits-Kolumnistin mindfulsun hat nun eine genauere Erklärung für euch – natürlich wie immer aus der eigenen Erfahrung:

Ich-Botschaften mit Kindern nutzen

Gleich vorab, worüber ich heute schreibe, trainiere ich noch und das jeden Tag. Es gelingt mir nicht jedes Mal. Es bemerken ist für mich auch wichtig und gehört zum Training dazu.

Früher, vor der Achtsamkeit, wenn ich enttäuscht oder verärgert war, dann wollte ich das natürlich auch ausdrücken. Bin dann nach vorne geprescht und meistens enthielten meine verzweifelten Versuche mich irgendwie verständlich zu machen ein: Du!

Du verstehst mich nicht.
Du hast nicht aufgeräumt.
Ich bin verärgert, weil du…
Du machst mich noch wahnsinnig.
Mit dir kann man nicht reden.
Denk doch mal mit.
Wieso hast du schon wieder vergessen den Müll runter zubringen?

Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Alleine wenn ich die Sätze jetzt aufschreibe und sie lese, fühle ich mich unwohl.

Mein erster Fehler hier war, ich habe nur mich gesehen und mich im Recht gefühlt.

Einer dieser Sätze reichte oftmals schon aus und ab ging die Post. Denn natürlich: Wer so etwas hört, geht in eine Verteidigungshaltung oder rechtfertigt sich. Es fühlt sich an, wie mit dem Rücken an der Wand stehen. Diese Art der Kommunikation möchte ich schon lange nicht mehr und werde immer achtsamer dafür. Wertschätzung, Respekt, auf mein Gegenüber eingehen, die Bedürfnisse des anderen mit einbeziehen, wirklich zuhören: Und das ohne Vorwürfe und Bewerten.

Geht das? Ja, das geht und zwar mit Ich-Botschaften.
Ich-Botschaften sind Offenbarungen, wie ich mich mit etwas fühle und was ich mir wünsche.

Ich beschuldige damit den anderen nicht und werte auch nicht. So kann sich eine gute Kommunikation entwickeln und vor allem Verständnis. Mit meinen Söhnen habe ich seither erlebt, dass sich das Vertrauen zwischen uns vertieft hat.

Was hier ganz wichtig für mich ist (das wird noch ein eigenständiger Artikel, weil mich das Thema emotional auch sehr angeht): Zu Ich-Botschaften gehört für mich auch, dass Mimik, Gestik und Tonfall auch zu den gesagten Worten stimmig sind. Doppelbotschaften, versteckte Anklagen hinter schmalen Lippen und durch zuckersüßen Tonfall untermalt, haben für mich nichts in einer wertschätzenden Kommunikation zu suchen. Gerade für Kinder kann das doch sehr verwirrend sein oder sogar Schaden verursachen, es kann Ängste schüren. Zu diesen „Double Binds“ werde ich demnächst schreiben.

Zurück zu Ich-Botschaften und wie wertvoll ich sie finde. Nehmen sie doch die Fahrt aus so manchem Konflikt oder lassen ihn überhaupt erst nicht entstehen.

1. Was sehe ich – Beobachtung
2. Wie empfinde ich das – Das Gefühl
3. Was möchte ich – Bedürfnis
4. Die Bitte / Der Wunsch

Und jetzt zur Praxis. Ein Beispiel aus meinem Alltag mit den Jungs.

„Du hast ja schon wieder dein Geschirr oben stehen lassen. Meinst du, das wandert von alleine in die Maschine?“
(An dieser Stelle – Ein: „Ich habe dir schon 1000 Mal gesagt…“ ist übrigens keine Ich-Botschaft, sondern ein Vorwurf. Und auch „wieder, oft, stets, immer, niemals“ versuche ich in achtsamer Kommunikation zu vermeiden!)

1. Die Beobachtung
Das Geschirr steht auf dem Geschirrspüler.

2. Mein Gefühl
Ich bin frustriert.

3. Mein Bedürfnis
Ich fühle mich wohler, wenn das Geschirr eingeräumt wird.

4. Mein Wunsch / Bitte
Das Geschirr soll im Geschirrspüler sein.

Ergebnis:

„Kannst du bitte das Geschirr in die Spülmaschine räumen. Ich fühle mich nicht wohl damit, wenn es oben steht. Wir hatten eine Abmachung, dass jeder seine Sachen selbstständig einräumt.“

Ob das im Alltag nun ein:
„Du siehst gerade auf dein Telefon. Ich bin traurig, wenn du mir nicht zuhörst, weil ich etwas Wichtiges mit dir besprechen möchte. Ich wünsche mir dazu deine volle Aufmerksamkeit!“

Statt: „Kannst du mal aufhören auf dein Telefon zu schauen, wenn ich mit dir rede?“

„Hier scheint es ein Missverständnis zu geben. Vielleicht konnte ich mich nicht verständlich machen? Mir ist es wichtig, dass wir das klären.“

Statt: „Du verstehst mich einfach nicht!“

Es gibt unzählige Beispiele, die täglich benutzt werden. Fallen euch welche ein?

Natürlich geht es für mich in „Ich-Botschaften“ nicht lediglich darum, mich verständlich zu machen. Sondern um eine achtsame, respektvolle und verbindende Kommunikation. Dazu gehört für mich auch, dass ich aktiv zuhöre, wenn mein Gegenüber antwortet und ich darauf eingehe.
Kommunikation ist keine Einbahnstraße für mich. Es ist wichtig, was der andere denkt und fühlt, was seine Bedürfnisse sind. Wir alle möchten verstanden werden!

Ich schaffe das noch nicht jedes Mal. Wenn ich das merke, kann ich auch um Verzeihung bitten. Heute ist mir ein: „Bewege dich bloß nicht!“ raus gerutscht, als wir im Zimmer meines Sohnes etwas gesucht haben und er einfach nur von seinem Stuhl agierte. Das ist mir sofort aufgefallen und ich habe gesagt: „Es tut mir leid. So wollte ich das nicht formulieren, ich bin müde. Ich helfe dir gerne dabei, das zu suchen. Ich fühle mich unwohl, wenn du die ganze Zeit dabei sitzt und ich hier unter deinem Bett rum krauche. Würdest du bitte aufstehen und unter dem Bett nachsehen?“

Er nahm mich in den Arm: „Danke, Mama.“

Es fühlt sich einfach besser an und nicht nur mit den Kindern. „Du-Botschaften“ sind oft der Funke für ein Feuer. Dabei möchte ich mich einfach nur verständlich machen.

Warum habe ich früher fast ausschließlich „Du-Botschaften“ mit allen Menschen verwendet? Auch darüber habe ich nachgedacht.

„Ich-Botschaften“ erfordern auch ein wenig, dass ich mich verletzlich mache und mein Visier herunterlasse. Ich zeige, wie ich fühle und davor hatte ich Angst. Und ich habe mich oft im Recht gefühlt, wollte das auch genauso zum Ausdruck bringen.

Heute versuche ich, in jede Kommunikation mit Achtsamkeit und Respekt zu gehen.

„Ich-Botschaften“ verbinden, schaffen Nähe und stärken das Vertrauen.

Das hat viel für mich verändert. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt zu allem Ja und Amen sage und jeglichem Konflikt aus dem Weg gehe. Im Gegenteil! Ich kann Grenzen setzen ohne auszuteilen, meine Bedürfnisse gewaltfrei formulieren und in einen wirklichen Austausch mit Menschen gehen. Ohne dabei den Standpunkt des anderen herabzusetzen, zu bewerten und beurteilen. Auch Kompromisse lassen sich so viel einfacher finden. Meine Jungs haben begonnen, das auch für sich zu übernehmen.

Achtsam dafür zu sein, ist der erste Schritt. Es jedes Mal hinzubekommen, dauert noch.

mindfulsun

P.S. Das Video ist auch sehr ermunternd anzuschauen. Mit Kindern (gern welche, die gerade Englisch lernen):

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Desiree
Antworten 5. November 2019

Wow.....ein wirklich toller Bericht. Herzlichen Dank dafür!!!

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