Kopftuch an Bikini – Gespräch über die Kopftuchbarbie mit Menerva, Mamabloggerin und Muslima


Der Artikel um die Kopftuchbarbie erhitzte auch bei uns in der Community die Gemüter. Wir haben eine Kopftuchträgerin und Muslima dazu gefragt: Menerva bloggt bei Blog Hotel Mama und hat hier smarte Antworten für uns!

Béa: Liebe Menerva, es ist mir eine ganz große Ehre, dass du dich mit mir über das Thema Kopftuchbarbie gern unterhältst. Ich fand deine spontane Reaktion auf Instagram toll, als ich (in Bikini, ich bin ja auf Teneriffa) gefragt habe und du mit Kopftuch und ungeschminkt (du bist auch dann schön!) geantwortet hast.

Hintergrund war das Gespräch mit Nina darüber, und ich wollte wissen, was du von der Barbie mit dem Kopftuch hältst.

Also, was hältst du von der Kopftuchbarbie? Und warum?

Menerva: Ich sehe die Barbie nicht mit Kopftuch, sondern eine Puppe, die von Ibtihaj Muhammad inspiriert ist. Ibtihaj Muhammad ist amerikanische Fechterin und hat Amerika in den olympischen Spielen als Fechterin vertreten. Sie hat auch Medaillen für dieses Land in Rio gewonnen.

Für mich ist diese Frau eine von vielen Heldinnen, wie andere Frauen, die sich in männerdominierte Bereiche trauen und Erfolg haben. Um ehrlich zu sein, war ich niemals ein Fan von Barbie.

Ich habe mich als Kind nicht in diese Puppe gesehen.

Ich wusste immer schon, dass Barbie eine erwachsene Frau darstellen soll und nicht mich. Ich wusste auch, dass ich so niemals als erwachsene Frau aussehen würde. Für mich war Barbie immer eine Frau, die einen perfekten Körper hat und im Abendkleid, perfekt gestylt am Herd steht. So zeigte sie jedenfalls die Werbung. So war meine Mama aber nicht und so wollte ich auch nie sein. Deswegen hatte ich niemals diesen Barbie-Bezug als Kind.

Auch auf Disney war ich als Kind sauer. Ich sah mich nur in Pocahontas und Mulan wieder.

Ich wollte aber keine von den Prinzessinnen sein, die um Turm auf den Prinzen warten. Erst als Erwachsene habe ich gemerkt, dass Disney aus dem Winterschlaf erwacht ist, mit den Remakes und Filmen wie “Küss´ den Frosch”, wo die Heldin endlich eine schwarze Frau ist, die ihre eigene Frau steht.  

Ich trug als Kind kein Kopftuch. Meine Mutter trug erst spät nach mir eines, eine zeitlang trug ich eines und sie lief noch im Minirock herum, was für viele ein Grund zur Verwunderung war, für uns war das normal.

Für mich hat ein Kopftuch am Kopf eines Kindes nichts verloren und wenn sich eine Frau dagegen entscheidet, ist das für mich nicht einmal erwähnenswert, weil das etwas Normales und sehr Privates ist.

Meine Tochter ist zwei Jahre alt und sie ist vor allem im Urlaub am liebsten nackt am Strand. Sie hat erst jetzt eine Liebe für Puppen entwickelt, davor hatte sie eine Vorliebe für Autos und Schiffe. Sie mag nun eher die großen Babypuppen, Barbie interessiert sie überhaupt nicht. Ich finde also nicht die Puppe, sondern, dass sie von einer echten Frau inspiriert wurde, die im echten Leben viele andere junge Frauen inspiriert, gut. Dass man diese Frau und all ihre Errungenschaften auf ein einziges Kleidungsstück reduziert, finde ich frech. Auch wir Kopftuchfrauen sind “mehr Kopf als Tuch”, es gibt sogar ein Buch, das erst erschienen ist, das diesen Titel trägt.

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Auch wir brauchen unsere Heldinnen. Und damit meine ich nicht das Kopftuch, sondern uns nicht weißen Frauen, die oftmals als unterdrückte, hilflose und ungebildete Damen in den Medien dargestellt werden. Das Kopftuch ist für mich zweitrangig.

Béa: Ganz viele, schöne, liberale Gedanken! Und “Mehr Kopf als Tuch” werde ich garantiert lesen, danke für die Empfehlung. 

Mich würde es schon interessieren, wie du – als Kind einer Mutter, die noch im Minirock lief – dich für ein Kopftuch entschieden hast…

Und wenn wir schon dabei sind: Nina sagte ja, dass das Kopftuch zunächst Schutzfunktion hatte. Es gibt viele religiöse Gebote, die einen handfesten logischen Grund haben, siehe das Thema Schweinefleisch… In den heißen Gegenden des Mittleren Ostens ohne Kühlmöglichkeiten ist besonders diese Fleischsorte eine gesundheitlich tickende Krankheitserregerbombe. Und außerdem ist genau dieses Fleisch auch nach neuesten Erkenntnissen der Ernährungskunde wirklich insgesamt nicht das Gesündeste. Ich habe ja selbst das Schweinefleisch aus meiner Küche verbannt…

Das mit dem Schutz der Frauen vor dem Begehren der Männer in Sache Kopftuch leuchtete mir sofort ein. Ist das zu kurz gedacht bzw. erklärt?

Menerva: Ok, zuerst zur ersten Frage: Bei uns zu Hause wurde nie über Kleidung diskutiert.

Ich trug selber auch gerne Miniröcke, habe Piercings, habe mit meinen Haaren herumexperimentiert von Rasta bis Dreadlocks.

Ich war schon immer religiös und gläubig, hielt aber nicht viel vom Kopftuch, weil ich ähnlich wie Nina dachte, dass meine Bedeckung etwas mit den Männern zu tun hat. Das wollte ich aber so nicht machen. Ich wollte mich nicht verhüllen, damit mich ein Mann übersieht, oder sich beherrscht. Das muss er schon selber tun, immerhin hat er ja einen Verstand. Als mich dann eine Freundin damit konfrontiert, habe ich keine Antwort, weil ich eben auch genau diesen Punkt kritisiere.

Was habe ich getan? Ich kannte keine einzige Kopftuchträgerin, also habe ich recherchiert. Was ich gefunden habe, ließ mich im Staunen zurück. Von einem Kopftuch steht im Koran nichts, aber klar von einer Bedeckung. Aus mehreren Gründen. Der allererste und heute für mich wichtigste Grund ist: Spiritualität.

Es ist eine Sache zwischen mir und Gott- an den ich glaube – dies zu tun.

Eine Art ritualische Robe, wenn du so willst. Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, tragen diesen sehr wohl beim Beten, denn das ist ein Ritual und ist sehr respektiert. Das ist der allerwichtigste Grund.

Der zweite und dieser ist nicht religiös, sondern eher geographisch, ist die Hitze.

Keiner geht in der Wüste nackt herum.

Menschen sind dort immer bedeckt, damit sie keinen Sonnenstich bekommen. UND: Es gilt für Männer wie Frauen, es gibt für beide Geschlechter eine Art Kleidungsvorschrift.

Dann gibt es noch den dritten Grund, nämlich deinen.

Jede kopftuchtragende Frau hat ihre eigene Geschichte wieso sie es trägt. Es wird immer als homogene Gruppe über uns gesprochen, aber wir sind Individuen.

Jede von uns hat einen eigenen Zugang dazu, im idealen Fall einen freien, im unidealen Fall, einen erzwungenen und dagegen bin ich zu 100%.

Mein dritter Grund ist meine Herkunftsgeschichte. Ich habe ägyptische, sudanesische, türkische und englische Wurzeln. Ägypten war so gut wie immer von anderen Ländern besetzt und das hat sich auch in unserem Familienstammbaum bemerkbar gemacht.

Ich möchte aber nicht vergessen, woher ich komme, deswegen trage ich das Kopftuch. Es ist für mich ein Stückchen Unabhängigkeit.

Wäre ich in Afghanistan aufgewachsen, würde ich wahrscheinlich dagegen demonstrieren. Der Zugang spielt die größte Rolle.

Nun könnte jemand sagen: ”Dann leg´ es aus Solidarität den unterdrückten Frauen gegenüber ab.” Klingt im ersten Moment logisch. Aber was dann? Womit ist dann diesen Frauen geholfen? Null. Ich verzichte auch nicht auf Sex, weil andere Frauen vergewaltigt werden. Das sind für mich sehr vergleichbare Beispiele. In beiden Fällen sind Frauen Opfer und in beiden Fällen versucht man wieder an den Frauen etwas zu ändern, meistens ihre Kleidung. Ich möchte meine Kleidung in der ich mich sehr wohl fühle, nicht ablegen.

Ich möchte aber, dass jede Frau über ihre eigenen Rechte aufgeklärt wird.

Was kann ich also als Einzelperson tun, wenn es um diese Frauen geht? Wenn ich in Ägypten bin, kläre ich junge Damen über Sex auf, besorge für Straßenmädchen Verhütungsmittel und Menstruationskappen. Ich halte kostenlos Vorträge über Frauenrechte, auch um über Genitalverstümmelungen aufzuklären (damit sie endlich ein Ende haben) und ernte somit von allen Ecken Kritik.

Für die einen bin ich zu offen, für die anderen die ewig Gestrige.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass jeder die Welt aus seiner Sicht sieht, eine eigene Art hat sich auszudrücken und gut ist. Ich verzichte auf gar nichts! Ich habe Reizunterwäsche, gebe hin und wieder Bauchtanzkurse für Schwangere (habe ich aber schon sehr lange nicht mehr getan, weil wir ständig unterwegs sind), wo ich ohne Kopftuch mit den Frauen tanze. Wenn mir ein Minirock oder ein Bikini gefällt, werden diese gekauft. Ich mache bei mir zu Hause auch oft Hennapartys mit Freundinnen, wo es orientalische Musik, Essen und Hennatattoos gibt. Auf solchen Partys gibt es dann sogar ein absolutes Kopftuchverbot!

Eine meiner österreichischen nichtmuslimischen Freundinnen war auf einer dieser Partys eingeladen und war baff. Sie sagte dann:”Du führst aber ein interessantes Doppelleben. Ich wünschte es wären alle Islamhasser hier, die würden tanzen, essen und verstehen, wie falsch sie liegen.” Für sie war das ihre erste Hennaparty und sie kannte mich vom Studium nur mit Kopftuch. Ich habe ihr dann erklärt, dass das Kopftuch nur in der Öffentlichkeit getragen wird, daheim bin ich in Shorts und Sport-BH oder T-shirt, wie die meisten erschöpften Mamas. Und das ist genau das, worauf ich mich am liebsten konzentriere. Unter Schleier, Krawatten, Miniröcke und alles was wir anhaben, sieht unsere nackte Wahrheit sehr ähnlich aus.

Béa: Liebe Menerva, das ist für mich ein Riesenschritt nach vorne, im Verstehen. Du hast ganz wunderbare Gedanken… die werden auch meine Leser*innen erfreuen. Und Augen öffnen!

Und, was meint ihr? Stimmt ihr zu? Habt ihr andere Meinungen?

Menerva macht ihr allerdings recht glücklich, wenn ihr den Blog lest, ihr bei Facebook ein Däumchen gebt und/oder bei Instagram folgt:

https://www.blog-hotelmama.com/

https://www.instagram.com/blog_hotel_mama/

Liebe Grüße,

Béa

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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