Wenn es einfach nicht mehr flowt: Kann ich meinem Kind nicht einfach eine Tüte Motivation kaufen?


Béa hat mir erzählt, es gab hier im Blog schon einiges zum Thema Belohnungen… und auch Motivation. To say nothing about… 🥁 Bestechen 🙅‍♀️ !!! Aber habt ihr schon einmal vom Korrumpierungseffekt gehört?

Mir war klar: Es gibt äußere Anreize, und inneren Drive.

Aber durch die äußere Motivation kann die innere reduziert werden (also korrumpiert)?
Das war mir neu.

Lasst mich mit den Basics anfangen:


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Mir wurde im Studium erzählt: Es gibt einen Unterschied zwischen der Motivation, die von außen kommt (extrinsisch) und einer die von innen kommt (intrinsisch). Manchmal wirken auch beide zusammen.

Der Esel mit der Karotte vor der Nase – das ist wohl das beste Bild, um die extrinsische Motivation zu beschreiben. Wenn du Oma im Garten hilfst, kriegst du ein Scheinchen in die Hand. Wenn du schön draußen spielst, und Mama nicht störst, gibt es nachher Kuchen! Und wenn du eine 2 in Mathe nach Hause bringst, fährt Papa am Wochenende mit dir ins Schwimmbad. Belohnungen sind DIE Mittel schlechthin, besonders bei Kids – um das Verhalten zu bekommen, was wir wollen.

Intrinsische Motivation taucht dann auf, wenn Junior dir den Sternenhimmel erklärt – scheinbar hat er doch mal die Nase in die Bücher übers Weltall gesteckt. Oder der Besuch mit Hund antanzt und eure Tochter fachmännisch erklärt – das sei ja eine Mischung aus einem Pudel und Cocker Spaniel. Die heißen Cockapoo und müssen immer gut gebürstet werden. Woher weiß sie das?

Die Mutter der intrinsischen Motivation: Wart ihr schonmal richtig im Flow?

Ich erlebe das vor allem beim Kreativ sein. Ich liebe es zu gestalten, verschönern, dekorieren… Wenn ich einen Fleck an meiner Wand sehe, der sich leer anfühlt, dann ist es um mich geschehen. Sofort öffnen sich vor meinem inneren Auge sämtliche Elemente, die ich einfügen könnte: Farben, Formen, Muster, Stoffe… Und egal, an was ich gerade noch gearbeitet habe ist vergessen. Ich suche mir meine Stifte zusammen, krame mein Kreativkästchen hervor, und lege los.

Die Zeit verstreicht. Das Bein schläft ein. Die Welt um mich herum dreht sich weiter, aber in meinem Zimmer bleibt sie stehen.

Die Psychologie nennt dieses Phänomen tatsächlich „Flow-Effekt“.

Béa hat es hier auch schon mal definiert: Der Begriff „Flow“ kommt aus dem Englischen  („Fließen, Rinnen, Strömen“) wurde vom Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi (spricht sich: Tschik-Sent-Mihali) in den 80ern geprägt. Es bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl, wenn wir restlos aufgehen in einer Tätigkeit – und zwar so, dass wir Raum und Zeit nahezu vergessen. „Wir sind dann, was wir machen.“

Also: Volle Kanne Konzentration auf eine Sache. Da verschmelzen Tätigkeit und Mensch, und man fühlt sich wie im Trance. Chirurgen kennen das. Tänzer. Oder Extremsportler. Oder ein Taxifahrer neulich, der von seiner Stadt schwärmte.

Extrinsische Motivation, also die Motivation von außen, ist nicht ganz ungefährlich: Es gibt nämlich diesen sogenannten Korrumpierungseffekt.

Dazu haben Verhaltensforscher schon etliche Studien durchgeführt. Es geht um: Belohnung!

In einer dieser Studien wurden drei verschiedene Gruppen von Kindern beobachtet, die mit besonders coolen Stiften, den Magic Markers, malen sollten. Der ersten Gruppe wurde eine Belohnung für das Malen mit den Markern versprochen. Für die zweite Gruppe kam die Belohnung nach dem Malen überraschend. Der dritten Gruppe wurde keiner Belohnung versprochen oder ausgesetzt. Nach zwei Wochen hatten die Kids wieder die Möglichkeit mit den Stiften zu malen, es wurde ihnen aber offengelassen und sie konnten sich auch mit anderen Dingen beschäftigen. Was wurde beobachtet? Die Kinder, denen keine Belohnung für das Malen ausgesetzt wurde, malten viel mehr und länger mit den Markern, als jene, die eine Belohnung dafür bekommen hatten.


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Durch diese und andere Studien wurde klar: Extrinsische Motivationen können die intrinsische Motivation verdrängen! Ein Artikel in der ZEIT titulierte besonders provokant: „Belohnen ist das neue Bestrafen“.

Wie lässt sich das erklären?

Die Wissenschaftler Edward Deci und Richard Ryan sagen: Der Korrumpierungseffekt hat etwas mit den menschlichen Bedürfnissen zu tun. Denn die extrinsische Belohnung kann uns das Gefühl geben, als ob wir von außen beeinflusst werden! Und sie machen was mit der Sache an sich: Klar, denn wenn man mich fürs Malen besticht, dann ist Malen wahrscheinlich gar nicht so toll! Und wenn ich dafür eine Belohnung kriege, dann male ich für die Bonbons – und nicht in erster Linie, weil es mir Spaß macht.

Zwei Grundbedürfnisse spielen hier eine Rolle: Selbstbestimmtes Handeln und das Kompetenzerleben.

Ohne jetzt die größte Debatte um das Thema Noten auslösen zu wollen: Rotstift, standarisierte Test und direkt ne sechs, wenn der Lehrer den Spicker entdeckt – ist schon ziemlich Kontrollo! Aber die Sache ist die: Extrinsische Motivation ist nicht per se schlecht!

Die Frage ist: Welche Absicht steckt dahinter? Vergleichbarkeit? Kontrolle? Macht? Klingt auf jeden Fall nicht nach Selbstbestimmung und Autonomie.

Aber wenn diese Anreize geschaffen sind, um zu sagen: Hey, ich möchte dir gerne Feedback geben! In diesem Bereich klappt es schon ganz toll – aber hier können wir noch dran arbeiten… Ich möchte dir helfen, dich zu verbessern! DANN kommt Kompetenzerleben ins Spiel: Wow, ich habe mich entwickelt! Ich habe dazugelernt! Ich kann etwas – und es macht Spaß etwas zu können.

Also: Extrinsische Motivation kann durchaus die intrinsische Motivation verstärken! Aber nur solange das Autonomiebedürfnis nicht eingeschränkt wird.

Übrigens: Ohne intrinsische Motivation kein Korrumpierungseffekt. Wenn ich Fremdsprachen eh zum Kotzen finde, dann können extrinsische Anreize auch nichts überschreiben.

Ich persönlich bin ein absoluter Fan von unerwarteten Belohnungen!

Die empfinde ich einfach nur als Wertschätzung von außen, für eine Sache, in die ich mich reingekniet habe. Zum Beispiel vor ein paar Tagen:

Ich war auf dem Weg, um mein Bachelorzeugnis beglaubigen zu lassen. Ich schickte meiner Mama ein Foto von dem Zeugnis mit der Nachricht: Endlich kann ich mich für den Master einschreiben! Wir telefonierten kurz darauf und sie sagte: Hey, ich bin so stolz auf dich! Du darfst dir etwas wünschen für den bestandenen Bachelor. Ich war total geflasht, weil ich damit überhaupt nicht gerechnet habe. Ich hätte die Belohnung in dem Sinne nicht gebraucht, weil ich studiert habe, um mich selbst zu entwickeln. Aber das jemand von außen kommt und sagt: Ich sehe, wie du dich ins Zeug gelegt hast! Du hast das super gemacht! Dafür möchte ich dir etwas schenken – das tut das einfach gut! Und was soll ich sagen: Das neue Skateboard ist schon ne feine Sache…

Wann spürt ihr diesen inneren Drive? Habt ihr schonmal erlebt, wie bei euch oder euren Kids die Motivation überschrieben wurde? Und was mich noch interessieren würde: Kann man das irgendwie wieder rückgängig machen?

Liebe Grüße,

eure Larissa

Larissa
About me

Studentin, Mentorin, Potenzialentfalterin. Lebt leicht. Liebt alles was mit Entwicklung zu tun hat: Schule, Menschen, Städte... und Blumen! Familienmensch. Hat große Träume für die Bildungslandschaft. Und ein überdurchschnittlich hohes Bedürfnis nach Schnörkeln.

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