Von Lehrern empfohlen: Motivation durch Bestechung?


Das letzte Fördergespräch in Juniors Schule ist schon eine Weile her. Daraus hängengeblieben ist bei mir vor allem dieser eine Satz. Ausgesprochen hat ihn seine Klassenleiterin und ich habe Wochen gebraucht, ihn zu verdauen:

„Bieten Sie ihm Geld!“

Hat euch schon mal ein Lehrer dazu aufgefordert, euer Kind zu bestechen? So richtig darüber hinweg bin ich immer noch nicht.

Aber wie kam es überhaupt dazu und was habe ich am Ende daraus gemacht?

Junior tut sich so richtig schwer mit dem Lesen und Schreiben lernen. Egal, was wir bisher versucht haben, all das ist für ihn auch nach 4 Jahren noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei ist er sonst ein schlauer Kopf.

Seine Schwierigkeiten fielen von Anfang an auf und er bekam frühzeitig Unterstützung durch LRS-Förderstunden, durch einfachere Aufgaben und durch zusätzliche Hilfe bei Diktaten. Das ging lange gut.

Jetzt aber waren seine Grenzen erreicht. Seine Motivation ging mittlerweile gegen Null und er blockte alles ab, was irgendwie mit Schule zu tun hatte.

Ich machte mich auf den Weg ins SPZ, um Junior von einer Kinderpsychologin testen zu lassen. Die bescheinigte ihm eine isolierte Rechtschreibstörung. Lesen ist auch nicht seins, aber in Rechtschreibung ist er wirklich unterirdisch. Endlich hatte ich schwarz auf weiß, was ich schon immer wusste. Und endlich kann ich tatsächlich auch ganz entspannt damit umgehen.

Passieren musste trotzdem was, um ihn aus dem Motivationsloch zu holen.

Kaum hielt ich den Bericht der Kinderpsychologin in meinen Händen, machte ich einen Termin mit Juniors Klassenleiterin aus. Ich wollte mit ihr besprechen, wie man meinen Sohn nun weiter unterstützen kann. Vielleicht im Rahmen eines Nachteilsausgleichs?

Ein paar Tage später fand ich mich auf einem winzigen Stuhl im Klassenzimmer meines Sohnes wieder. Mir gegenüber seine Klassenleiterin.

Als erstes bekam ich gleich mal zu hören, dass der Befund der Psychologin hier gar nicht anerkannt wird. Die Schule führt die Testung selbst durch, und zwar erst in der 4. Klasse. „Darüber hatten wir doch schon gesprochen?!“

Da zog ich schon mal eine Augenbraue hoch. ‚Dann kann ich doch jetzt eigentlich auch gleich wieder gehen‘, dachte ich, blieb aber sitzen. Schließlich hilft es meinem Sohn nicht weiter, wenn wir noch ein Jahr warten. Er braucht JETZT Hilfe.

Mittlerweile sperrt er sich komplett gegen jede Art von Hausaufgabe, und zwar fächerübergreifend. Das Loch, an dem seine Motivation gräbt, ist schon sehr tief. Das war auch bis zu den Lehrern schon durchgedrungen.

Meine Laune wollte sich gerade zu Juniors Motivation in den Keller gesellen, da ruderte Frau Klassenleiterin rum und ich bekam doch noch mein Fördergespräch.

Wir überlegten uns, welche Lernmethoden man noch ausprobieren kann, ob die Benotung ausgesetzt werden soll und was man versuchen kann, um ihn überhaupt erst einmal wieder zu motivieren. Da sagte Frau Klassenleiterin doch tatsächlich:

„Bieten Sie ihm Geld. Bezahlen Sie ihn für seine Hausaufgaben.“

„Wie bitte???“.

Wieder ging meine Augenbraue hoch. Ich guckte Frau Klassenleiterin ungläubig an. Hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Und vor allem: Hatte sie das etwa ernst gemeint? Hielt diese junge Pädagogin, die mir gegenüber saß, das etwa für einen pädagogisch wertvollen Schachzug? Ich war sprachlos und ich blieb es auch.

Etwas in mir lehnte diesen Vorschlag vehement ab. Trotzdem hatte er sich in meine Hirnwindungen eingebrannt und arbeitete dort unermüdlich weiter.

Bis ich mit diesem „Vorschlag“ etwas anfangen konnte, vergingen ein paar Wochen. Dann dämmerte es mir. Ja, natürlich hatte die Lehrerin recht. Irgendwie. Mein Sohn ist hochgradig bestechlich. Von mir hat er das nicht! Wenn es um Geld geht, bin ich ein ganz schlechter Verhandlungspartner. Man möge sich nur mal ausmalen, wo so etwas hinführt, wenn ihm das seiner Motivation tatsächlich den großen Kick verschafft.

Ich verstand also, dass es irgendwie auf so etwas wie Bestechung hinauslaufen wird. Ich musste nur herausfinden, worauf er besonders scharf ist.

Am Ende war das ganz einfach, denn es ist fast täglich ein Thema bei uns: Der Junior und sein Handy!

Ich habe eine super App auf unseren Smartphones, mit der ich seine Handyzeiten und die App-Nutzung genau kontrollieren kann. Und wenn sich der Junior mal wieder gar nicht an die Spielregeln halten möchte, dann ist das Handy auch mal ganz blockiert. Er ist also permanent scharf auf Handyzeit.

Wir haben uns zusammengesetzt und gemeinsam Regeln für die Hausaufgaben besprochen.

Die bestanden vorher natürlich auch schon, aber einfach so Regeln einhalten, weil man das so macht, ist nicht sein Ding. Neu ist, dass er sich Extraminuten auf sein Handyzeitkonto dazuverdienen kann, wenn er seine Hausaufgaben im Rahmen meiner Regeln erledigt. Und damit er seine Aufgaben ordentlich macht, habe ich das Ganze auch auf seine Schulnoten ausgeweitet. Das kann ich so machen, weil er wirklich gut sein kann in der Schule, wenn er will. Das fällt ihm nicht schwer.

Im Moment funktioniert dieser Motivator ausgesprochen gut – Jetzt gerade löst Sohnemann 40 Minuten Handyzeit ein. Für zwei erledigte Hausaufgaben, eine eins in Deutsch und eine eins in Englisch.

Als nächstes nehmen wir uns nochmal das kleine Einmaleins vor. Kennt ihr erfolgversprechende Lernmethoden abseits vom sturen Auswendiglernen?

Und habt Ihr auch schon mal so seltsame Empfehlungen von den Lehrern eurer Kinder bekommen?

Liebe Grüße

Eure Doro

Doro
About me

Vom Stadtkind zur Landmama. Heimwerkerin und Basteltante, Bücherratte und Bilderdenkerin. Gnadenloser Optimist. Nachteule und Langschläfer. Immer neue Flausen im Kopf. Single-Mom in einem 4-Kinder-Haus und Vollzeit im Beruf. Büroflüchtling, wann immer ich kann. Verliebt in den Himmel und die Magie von Büchern ... Und irgendwann schreibe ich selbst ein Buch.

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5 Kommentare

Mariesche
Antworten 16. Juni 2018

Beim Einmaleins muss leider wirklich auswendig gelernt werden, aber man muss das Prinzip vorher auch kapiert haben (dass es quasi ne aneinandergereihte Addition ist - Addition für Faule, sozusagen).
Eselsbrücken bei individuell als schwierig empfundenen Aufgaben helfen auch, z.B. 56=7×8 (5,6,7,8)
Es gibt verschiedene Einmaleins-CDs, musikalisch schön ist die von Nena, es gibt aber noch andere. Vielleicht ist das ein Ansatz für euch?

Aileen Himstedt
Antworten 22. Juni 2018

In der Förderschule hatten die Kinder einen Rechenfächer im Taschenformat. Je 1 Blatt mit 1-10. Damit durften sie arbeiten und das 1x1 prägte sich ein. LG

Maria
Antworten 7. Dezember 2018

Kennst du die Kim-Knopf-Hörspiele? Da gibt es diese entzückende Stelle, wo Jim Knopf die Schulstunde belauscht und Prinzessin Li Si das Einmaleins mit Singsangstimme vorsingt. Mir hatte sich das total eingeprägt und speziell die 7er-Reihe (die auch gut hervorgehoben ist, wahrscheinlich mit Absicht!:-D) konnte ich danach endlich im Schlaf. Kann ich nur empfehlen! Die Geschichten rundrum sind ja auch sehr spannend und wunderschöne Kindheitserinnerungen.

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