Nachklapp zu „Die Mutter, die ihr Kind vergaß“ – weil sich so viele aufgeregt haben!


Ihr Lieben, der Beitrag über die „Mutter, die ihr Kind vergaß“ hat für viele Diskussionen gesorgt, um nicht zu sagen: Echte Aufregung. Bewegte Gemüter. Harsche Kritik, warum wir so etwas überhaupt publizieren!

Was wir bei so etwas sagen, ist als erstes: DANKE!
Ja, Danke. Auch für Kritik.

Denn nichts ist schlimmer für Blogger als ’ne Handvoll müde Likes und keine Reaktionen. Reaktionen sind gut. Wenn wir etwas schreiben, und etwas schwingt zurück, dann entsteht Kommunikation. Neue Gedanken. Buzz! Dafür schreiben wir! Wir wollen in der Menge baden, sonst würden wir heimlich Tagebuch schreiben.

Nun aber, wenn wir so etwas lesen müssen wie….

„Was ist der Sinn des Beitrags? Dass sich die Leserinnen über eine böse Rabenmutter aufregen können? Sorry, das ist BILD-Zeitung-Niveau. Hätte ich hier eigentlich nicht erwartet.“

… dann tut das schon etwas weh! Deswegen hier zu den meisten Punkten noch mal eine Stellungnahme.

Warum wir das Thema „Mutter, die ihr Kind vergaß“ gebracht haben

Also ich, Béa, habe den Beitrag von einer Leserin erhalten, die ich aber auch persönlich kenne, und fand es absolut aus dem Leben gegriffen. Ich hatte auch selbst mal eine ähnliche Situation, vor grauen handylosen Zeiten. Damals habe ich eine ganze Nacht mit einem armen, kranken Kind verbracht, das völlig durchgedreht ist und seine Mama haben wollte. Sie hatte sogar versprochen, sich noch mal Abends für einen Gute-Nacht-Kuss zu melden… und die Umstände, die wir hinterher aufgeklärt haben und für die sich entschuldigt hat, haben es nicht zugelassen. Sie war einfach weg, nicht erreichbar. Der Grund spielt keine Rolle. Es geht darum, wie es mir ging, drei Tage weg von einer wichtigen Prüfung an der Uni, selbst alleinerziehend und leicht gesundheitlich angeschlagen… und vor allem wie es ihrem Kind ging. NICHT GUT!

Nun ja, ich bin eine erfahrene Kinderflüsterin und kreative Ablenkungserfinderin, aber da hat einfach nichts geholfen. Keine von mir gezeichneten blauen Katzen mit roten Ballerinas, kein TV, keine Gummibärchen. Körperkontakt komplett verweigert. Ich hatte ein verschrockenes, weinendes Häufchen Elend in der Ecke und da ging gar nichts. Ich konnte die Stressbelastung in der Geschichte absolut verstehen.

Warum nicht darüber bloggen?

„Das gehört nichts ins Netz!“ – Sorry, warum nicht? Wir haben keine konkrete Person vorgeführt, nur das, was passiert ist. Und wie aufgeschmissen unsere Leserin bzw. Schreiberin war.

Übrigens, es gab auch Fragen, wie es eigentlich weiterging und ich habe das auch in Erfahrung gebracht: Es gab ein klärendes Gespräch, aber nicht wirklich zufriedenstellend. Die Mutter der Kindergartenfreundin gab schließlich eingeschränkt zu, in der Tat sehr überfordert mit ihren zwei Kindern zu sein und Hilfe zu brauchen. Trotzdem wurde immer wieder die Technik als Ausrede gebraucht… die aber ganz andere Meldungen von sich gegeben hat.

Nun ja, solche Dinge passieren, und wie viele von euch das angemerkt haben, brauchen überforderte Mütter und Väter eher Hilfe und Gutwill, als Vorwürfe und Verurteilung.

Aber helfende Menschen sollten schon wissen, was sie zu erwarten haben und daraus ihre Grenzen selbst schließen, meint ihr nicht?

Sonst verwandeln sich die Helfer auch in überforderte Mütter und Väter und keinem ist geholfen!

Ich bin nicht auf die Welt gekommen mit einer Universalverpflichtung gegenüber allen leidenden Mitmenschen. Ich helfe so viel wie es auch mir guttut!

Und mir als Helfer tut es gut, vorab zu wissen, auf was ich mich einlasse.

Vom Zahnarzt wissen wir, dass es besser ist, wenn er ankündigt: „Es wird jetzt etwas weh tun!“ als einfach uns plötzlich und ohne Vorwarnung mit irgendeinem fiesen Instrument weh zu tun.

Als Helfende kann ich mich viel besser auf die Situation einlassen, wenn ich eine Vorwarnung bekomme. Es kostet den anderen vielleicht Mut und Kraft, zu artikulieren: „Ich bin völlig müde und durch und würde mich gern heute nur auf ein Kind konzentrieren. Ist es für euch OK, wenn ihr für mein anderes Kind die komplette Verantwortung übernehmt, auch dann, wenn ich nicht erreichbar bin?“.

Möglicherweise gibt es darauf hin eine Absage, aber wenn es zu einer Zusage kommt, wissen alle, woran sie sind. Vor allem für das betroffene Kind ist das viel, viel besser. Einem kranken, verängstigten Kind trete ich anders gegenüber, wenn ich weiß, dass die Mutter klipp und klar nicht erreichbar ist („Schätzchen, ich bin jetzt das Beste, was du heute Nacht bekommst! Und ich bin verdammt gut in Kuscheln und Trösten, magst du das ausprobieren?“) als wenn ich denke, dass es gleich noch die heißersehnte Mama Hoffnung gibt („Süßes, Mama ist nicht rangegangen, aber ich probiere es in 5 Minuten wieder. Sollen wir einfach 5 Minuten kuscheln und ich tröste dich so lange?“)

Ich habe mich übrigens auch kritisch gefragt, ob wir das anders, reflektierter hätten sehen können. Ja, ich habe den Text, den wir von unserer Leserin bekommen haben, nur minimal editiert und die ganze Emotionspalette aus Frust und Verärgerung drin gelassen. Nach der Kritik aus der Community würde ich den Text zwar nicht „zensieren“ – aber vielleicht am Ende reflektierend noch zusammenfassen, was ich als Lernenswert einschätze.

Das hole ich jetzt nach und das sind eigentlich zwei simple Punkte:

1. Klare Absprachen

Bedürfnisse artikulieren und klare Absprachen treffen sind absolut unerlässlich, wenn wir Kinder in der Obhut anderer geben. Das habe ich selbst viel gemacht, als Carina klein war – und da gab es weniger Menschen mit Handys und mehr Funklöcher. Deshalb habe ich folgendes beachtet – auch für das Wohl meines Kindes:

Ich habe klare Anfangszeiten und Endzeiten definiert – und auch über mögliche Verspätungen gesprochen. Ich bin damals wie heute viel durch die Weltgeschichte geflogen – und Flüge und Züge können Probleme machen. Ich habe dafür gesorgt, dass alle, die auf mein Kind aufgepasst haben und mein Kind selbst ab einem gewissen Alter stets wussten, wo ich war und mit welchem Verkehrsmittel ich unterwegs bin. Besonders dann, wenn ich in der Luft war und man stundenlang nicht mit einer Kontaktaufnahme rechnen konnte.

Ich habe Allergien und mögliche Krankheiten stets transparent erklärt. Carina bekommt heute noch große Atemprobleme in der Nähe von Katzen und Pferden – das mussten alle genau wissen, und zwar bevor der Kontakt zum Tier entsteht.

Kurz: Mund auf. Lieber mehr erklären als zu wenig. Vorbereiten.

2. Bedanken und entschuldigen!

In unserem geschilderten Fall hat auch etwas gefehlt: Ein besonders herzliches Dankeschön oder eine aufrichtige Entschuldigung hat es nicht gegeben, sondern eher eine Haltung im Sinne von „Hab dich jetzt nicht so, da war halt das Handy schuld“. Das geht nicht!

Wenn Menschen etwas durch uns erleiden müssen, dann ist einfach ein ordentliches DANKESCHÖN und eine ENTSCHULDIGUNG nötig. Und wisst ihr was? Ich bin immer für Aufrichtigkeit, aber in manchen Fällen geht es um die menschliche Beziehung. Leute, auch wenn ihr meint, dass es einen Klacks für den anderen hätte sein müssen, oder wenn ihr innerlich ein „Mann, stellt die sich an!“ augenrollend empfindet, ist das nicht relevant. Rafft euch zusammen und sagt Danke und Entschuldigung, selbst wenn es nicht 100% aufrichtig ist. Bitte. Danke.

Jetzt bin ich gespannt auf neue Meinungen,

Eure Béa

P.S. Das Thema Jugendamt habe ich jetzt geflißentlich ignoriert. Da bin ich der Meinung, das führt zu weit. Allerdings mit einer Bemerkung: Das Jugendamt als „Feind“ und Strafinstanz ist keine gute Idee. Besser als Partner und Beratung ansehen.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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