Vom einzigartigen Geschenk »Kind« zur bewerteten Ware – Gastbeitrag von Heidemarie Brosche


Ihr habt neulich den Text von Heidemarie Brosche geliebt: „Mein Kind ist genau richtig, so wie es ist“. Die ehemalige Hauptschullehrerin und Autorin hat noch einige wunderbare Gedanken für euch. gern lege ich euch ihr Buch ans Herz mit einem Hinweis am Ende des Textes.

Vom einzigartigen Geschenk »Kind« zur bewerteten Ware

Ich erinnere mich noch gut: an meine eigene Sehnsucht nach einem Kind, an meine eigene übergroße Freude, als es endlich da war, an die erste Zeit, in der das Geschenk »Kind« wie ein Wunder bestaunt wird und Bewertungen schlicht nicht stattfinden.

Wie entzückend es ist! Wie schön es schläft! Wie sehr es wohl leidet, wenn es schreit? Wie einmalig, wie einzigartig es doch ist! So etwas gibt es tatsächlich nur einmal!

Auch bei all unseren Freunden und Bekannten konnte ich sie beobachten: die riesengroße Freude, das bedingungslose Annehmen des großen Wunders »Kind«.

Doch bald beginnt das, was in meinen Augen die Ursache vielen Übels ist: Das Kind wird verglichen.

Oh, das Kind schläft zu wenig – im Vergleich zum Kind der Nachbarin. Das Kind ist zu mutterbezogen – im Vergleich zum Kind der Freundin. Das Kind trinkt zu viel oder zu wenig. Das Kind schreit zu viel oder zu wenig. Das Kind ist zu dick oder zu dünn. Das Kind läuft zu spät, das Kind spricht zu wenig …

Und schon ist das große Geschenk »Kind« auf dem Prüfstand. Kein Wunder mehr, sondern ein Menschenjunges, das bewertet wird.

Klar, manche Dinge müssen medizinisch abgeklärt werden. Entwicklungsverzögerungen können ernste Ursachen haben. Aber viele Probleme sind hausgemacht. Wir wissen doch: Manche Menschen brauchen mehr, manche weniger Schlaf. Manche Menschen brauchen mehr, manche weniger Ruhe. Warum sollte dies bei kleinen Kindern anders sein? Welcher Teufel reitet uns Eltern, unsere Kinder als »Mängelexemplare« abstempeln zu lassen?

Die Kleinkindpädagogin, Buchautorin und dreifache Mutter Susanne Mierau schreibt: »Unsere Kinder brauchen uns. Sie brauchen, dass wir hinter ihnen stehen und sie toll finden. So, wie sie sind. Ob sie schwimmen können, lesen, auf einem Bein hüpfen oder eben all das noch nicht.«

Dabei ist das Baby- und Kleinkindalter erst der Anfang. In Kita und Kindergarten beginnt das große Vergleichen mit dem Rest der Gruppe, eine gesamte Schulzeit lang wird das fortgesetzt.

An sich ist das erst mal nichts Schlimmes.

Tatsächlich wirkt das eigene Kind zu Hause vielleicht durchaus lebhaft, im Vergleich zu den anderen Gruppenmitgliedern aber eher ruhig. Für die Eltern eine interessante Information, aber noch lange kein Grund, in Sorge oder Zugzwang zu geraten.

Leider kann der Umgang mit den Vergleichsergebnissen dennoch Schlimmes auslösen:

Das Gefühl nämlich, hier seien Menschen nicht in Ordnung, wie sie sind. Oje, mein Kind braucht länger zum Anziehen seiner Schuhe als die anderen?! Ist es womöglich zu langsam? Das muss sich ändern!

Oh nein, mein Kind ist zu ängstlich?! Ich muss etwas unternehmen, damit es mutiger wird! Oder: Was soll ich nur tun, mein Kind ist zu vorlaut?! Von diesen Elterngefühlen ist es nicht mehr weit zu: »Du bist zu langsam, liebe Tochter!«, »Du bist zu feige, mein Sohn!« oder »Hüte deine Zunge, mein Kind!«

Eltern, Verwandte, Bekannte, Erzieher und nicht zuletzt Lehrkräfte – sie blicken auf das einstmalige Geschenk wie auf eine bestellte Ware. Erfüllt sie die Erwartungen? Wo sind ihre Defizite?

Auf Bewertungsportalen kann man Warenkritik in Rezensionsform lesen, in Zeugnissen finden sich zu diesem Zweck Bemerkungen. Gerne wird die Kritik auch in mündlicher Form vorgetragen, nicht nur von Lehrkräften.

Eure Heidemarie

Frage von Béa: Wie fühlt ihr euch beim Vergleichen? Was macht euch da am meisten Sorge?

Und wollt ihr mehr von Heidemarie lesen? Ich mache gern eine Runde Werbung für dieses klasse Buch:

Mein Kind ist genau richtig, wie es ist: Das Ermutigungsbuch für Eltern

Heidemarie Brosche ist Hauptschullehrerin und arbeitet seit 30 Jahren auch als Autorin: www.h-brosche.de. Als Lehrerin war ihr die Abkehr von der Defizitorientierung von Anfang an ein Herzensanliegen, als Mutter dreier sehr unterschiedlicher Söhne (31, 29, 22) wurde ihr dann endgültig klar, dass Zu-Zuschreibungen à la „Das Kind ist zu ruhig!“, „Das Kind ist zu eigensinnig!“ fehl am Platze sind.

Die Hauptbotschaften (des Buches) sind:
1) Mängelstempel helfen nicht nur nicht, sondern schaden!
2) In vielen vermeintlichen Schwächen stecken Stärken – wenn man bereit ist, die Dinge anders zu sehen.

Seht ihr das auch so?

Inzwischen ist auch noch das über Heidemarie erschienen: https://www.news4teachers.de/2018/09/warum-wir-kinder-annehmen-sollten-wie-sie-sind-und-trotzdem-nicht-alles-tolerieren-muessen-ein-plaedoyer/

Liebe Grüße,

Béa

Zur Transparenz, wie immer: Ich unterstütze Heidemarie gern mit diesem Beitrag, völlig kostenlos. Lediglich wenn ihr das Buch über den affiliate Link kauft, verdienen wir als Redaktion eine kleine Provision pro verkauftes Exemplar. 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

PL
Antworten 8. Oktober 2018

Hallo,

unsere Großen (Zwillinge) sind Frühchen. Mittlerweile 4 Jahre und alles gut (*sehr dankbar 😍).

Mein Mann und ich haben oft festgestellt, dass gerade diese Tatsache uns "geerdet" hat. Es ist egal, wann Kinder etwas können, Hauptsache sie können es überhaupt. Denn Frühchen oder auch jede "normale" Geburt kann soviel anders ausgehen, dass nicht der Zeitpunkt wichtige ist, sondern dass die Kinder gesund und glücklich sind.
Leider kennen wir das Vergleichen aus dem Bekanntenkreis. Sehr schlimm für das Kind und auch für die "Beziehung" zum Freundeskreis.

Also: jeden Tag genießen, glücklich sein und sich über jeden Schritt freuen 🤗🤗🤗

    Béa Beste
    Antworten 8. Oktober 2018

    Oh ja! Danke dir für diese zusätzliche Erfahrung! Liebe Grüße von Béa (kein Zwilling, aber auch ein Frühchen, ich ich kann inzwischen ziemlich viel!)

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