Stille Gewalt ist auch Gewalt? – Wie eine wertschätzende Kommunikation uns Raum für unsere Emotionen gibt


Es gibt viele Arten von Gewalt – physische, psychische, laute und leise. Im heutigen geht es um die sogenannte „stille Gewalt“ in Konfliktsituationen, und wie eine wertschätzende Kommunikation uns trotzdem Raum für unsere Emotionen gibt.

Neulich habe ich das wunderbare Buch „Radikale Zärtlichkeit“ von Şeyda Kurt gelesen und bin dabei auf eine Passage gestoßen, die mich kurz hat schlucken lassen.


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„Ist nur Brüllen und Schimpfen gewaltvoll? Oder ist es nicht mitunter noch viel gewaltvoller, Menschen auch in ruhigem Ton zu degradieren, sie mit Zuschreibungen anzusprechen, die diskriminierend, re-traumatisierend oder manipulativ sind?“

Quelle: Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist von Şeyda Kurt (S.120)

Und sofort sind tausend Bilder in meinem Kopf herumgesprungen. Erinnerungen aus der Schule, der Familie, Freundschaften – etliche Momente, in denen ich nach einem „Wutmoment“ (besonders als Kind) unsagbare Scham empfand, weil mein Gegenüber so ruhig und still blieb, und ich das Gefühl bekam, dass meine Wut keinen Raum hatte, geschweige denn die Wut unangemessen war.

Nach dem Motto: In diesem Ton rede ich gar nicht erst mit dir. Beruhige dich erst mal…

Versteht mich bitte nicht falsch – ich glaube nicht, dass es effektiv ist, zurück zu brüllen. 😀
Aber ich finde trotzdem, dass die Wut ihre Daseinsberechtigung ebenso hat, wie andere Gefühle. Mir persönlich hilft es sehr, während eines ehrlichen Konfliktgesprächs meine Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Ich kann nicht immer gefasst sein, manchmal muss ich dabei weinen oder ein bisschen lauter werden. Ich bewundere alle Menschen, die bei Konflikten ruhig und gelassen bleiben, aber ich kann das nicht, zumindest nicht, ohne meine wahren Emotionen zu verdrängen.

Stille Gewalt ist auch Gewalt

Aber Schweigen kann genauso sehr wehtun, wie angeschrien zu werden. Jemanden zu ignorieren oder ihm indirekt das Gefühl geben, dass er/sie gerade völlig neben der Rolle ist, ist eine unsichtbare Art von Schlag. Denn dadurch fühlt man sich natürlich noch mieser, denn die Wut geht davon nicht weg, jedoch kommt Scham hinzu…

Béa hat auch schonmal einen Post darüber geschrieben, wie seelisch belastend Schweigen als Bestrafung ist!

Wenn ein Verhalten oder die Sprache Scham, Angst oder Schuld in uns auslösen, dann ist die Kommunikation gewaltvoll.

Şeyda Kurt verweist in dem Buch auf die sogenannte „wertschätzende Kommunikation“ – bei der die Wut, die das Gegenüber erfahren hat, gehört und keinesfalls zum Vorwurf gemacht wird. Der Person werden die Gefühle nicht abgesprochen. Sie darf so empfinden, darf traurig, wütend oder erzürnt sein. Dennoch ist der sprachliche Umgang miteinander respektvoll und nicht angreifend. Die Emotionen bekommen Raum, werden anerkannt und verstanden. Es wird darüber geredet und nach einer Lösung gesucht.

Aber sind das nicht die gleichen Ansätze wie bei der gewaltfreien Kommunikation?

Richtig!! Denn auch in der gewaltfreien Kommunikation geht es um friedliche Konfliktlösungen. Im Grunde meint „wertschätzende Kommunikation“ dasselbe, wobei letzterer Begriff immer mehr in den Trend kommt, da dieser die Wertschätzung bereits im Wort enthält. Andere Begriffe sind „Verbindende Kommunikation“ oder auch „Einfühlsame Kommunikation“. Gewaltfrei meint natürlich dasselbe, wobei das Wort ironischerweise gewaltvoll klingt (und im Englischen sogar noch mehr „non violent communication“.)


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Wir halten also fest: Bei wertschätzender Kommunikation bekommen beide Parteien Raum für ihre Emotionen und suchen gemeinsam nach einer Lösung, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.

Jetzt nochmal was anderes…

Laut reden ist keine Gewalt

Sprache ist kulturell geprägt, und in vielen Ländern ist es nun mal so, dass Menschen lauter reden. In meinem Beitrag „Laute Menschen sind aggressiv? … Oder einfach nur laut?“ habe ich bereits über das Phänomen geredet, deshalb möchte ich an dieser Stelle nochmal kurz auf das Thema Diskriminierung hinweisen, das Şeyda Kurt in ihrem Buch ebenfalls mehrmals thematisiert.

Rassifizierte erfahren sehr oft Diskriminierung, wenn es um ihren „Ton“ geht. So haben beispielsweise einige eine eher lautere Stimme, die ihnen jedoch systematisch verboten wird, weil es in der westlichen Welt oft als unsittlich gilt. Das ist schade, weil jenen Menschen dadurch regelrecht der Mund verboten wird. Dabei ist ein lauter Ton kein Indiz für Gewalt. Laut kommunizieren ist kein Schreien.

Bitte versucht, anderen Menschen nicht ihren Ton zu „verbieten“. Wir alle kommunizieren unterschiedlich und auch dafür sollte Raum sein. Wir müssen uns natürlich von niemandem anschreien lassen. Ihr könnt einfach auf die Unterschiede in der Lautstärke hinweisen und gemeinsam einen Pegel herausfinden, der für beide in Ordnung ist.

Wie empfindet ihr „stille Gewalt?“ Und was haltet ihr von wertschätzender Kommunikation?

Und noch was: Apropos „heftige Emotionen zum Ausdruck“ bringen – kennt ihr eigentlich schon Béa’s Ice Bucket Challenge vor gaaaaanz langer Zeit?😂

Hier nochmal der Post mit den lauten Menschen:

Laute Menschen sind aggressiv?… Oder einfach nur laut?

Und hier noch der Post zum Schweigen als Bestrafung:

Deswegen ist Bestrafung mit Schweigen nicht nur seelische Grausamkeit, sondern Machtmissbrauch!

Liebe Grüße

Mounia

P.S. von Béa: Ich finde Mounias Beitrag aus meiner Sicht sehr suchend nach Antworten, wie ein Einblick in Denkprozessen. Ich schätze das sehr, weil das auch Lernprozesse sind. Natürlich haben wir auch unsere Achtsamkeitskolumnistin mindfulsun, die sich jahrelang mit der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigt hat und Antworten darauf hat. Vielleicht schreibt sie noch was dazu, einmal mehr.

Ich bin gespannt, wie ihr zu den Fragen und der Suche steht…

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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