„Das war doch gar nicht böse gemeint!“ – nett gemeinte Komplimente und Alltagsrassimus aus der Sicht einer Betroffenen


Manchmal meinen wir es nun gut und verletzen jemanden völlig unbewusst. Ich möchte mich heute mal auf ziemlich sicher nett gemeinte Komplimente stützen, die für Betroffene wie mich oft Teilbestand des Alltagsrassismus sind.

Lange habe ich mich davor gedrückt, erneut über das Thema Rassismus zu schreiben. Die Kommentare, die mich erreichten, waren zwar einerseits reflektiert und einsichtig, aber oftmals ignorant. Es hat mich sehr frustriert, meine Gedanken, für die ich mich sehr überwinden musste, zu teilen, und dann nicht verstanden zu werden.

Doch nun, nach einigen Monaten „Pause“ von diesem Thema, fühle ich mich wieder gefasst genug, um darüber zu schreiben. Es ist mir deshalb so wichtig, weil ich mir wünsche, etwas zu erreichen. Natürlich kann ich nicht das Denken aller Menschen umformen, aber vielleicht kann ich ein paar Lesern einen Denkanstoß geben, über den sie nachdenken können.

Aber kurz vorab: Was ist überhaupt Alltagsrassimsus?

Unter Rassismus stellen wir uns oft immer etwas „Krasses“ vor. Nazis, die es auf „Ausländer“ abgesehen haben und furchtbare Dinge sagen/machen. Aber leider ist Rassismus noch so viel mehr. Er steckt in jedem von uns, denn wir alle sind mal ein bisschen voreingenommen und rassistisch, ohne es böse zu meinen oder überhaupt bewusst zu merken. Alltagsrassimus begegnet Betroffenen, wie das Wort schon sagt, im Alltag, und vermittelt ihnen stillschweigend, dass sie anders sind und nicht hierher gehören.

Ich erlebe jeden Tag Rassismus. Und ich halte es nicht mehr aus.

Als Kind störte ich mich nicht so sehr daran, wie heute, und das, obwohl meine rassistische Erfahrung als Kind deutlich „schlimmer“ war, als heute (davon ein anderes Mal mehr). Der heutige Rassismus, der mir begegnet, geschieht nämlich meistens unbewusst. Oftmals versteckt er sich hinter einem netten Kompliment oder dem freundlichen Versuch, mit mir ins Gespräch zu kommen. Meistens reagiere ich höflich und sage nichts dazu, aber innerlich verdrehe ich die Augen und unterdrücke den Drang, mit den Zähnen zu knirschen.

Hier 4 Beispiele von Alltagsrassismus, der mir als Kompliment begegnet:

1. „Woher kommst du?“

Der Klassiker aller Fragen. Wann immer ich einen neuen Menschen kennenlerne, lautet die erste oder zweite Frage sofort: „Woher kommst du?“ Manchmal geben sie sich damit zufrieden, wenn ich: „Aus Berlin“ antworte, doch meistens bohren sie nach. Sie formulieren die Frage um, fragen nach der Herkunft meiner Eltern und machen gern ein Ratespiel daraus. Wenn ich ihnen schließlich mit: „Marokko und Sri Lanka“ antworte, sagen sie den nächsten zähneknirschenden Satz.

Béa hat schon mal dazu geschrieben, dass sie die Frage willkommen heißt – sie „kommt“ tatsächlich aus einem anderen Land, und redet auch gern darüber. Ich hingegen komme eben nicht aus einem Land. Meine Eltern kommen aus einem anderen Land und ich finde es nervig, ständig auf eine andere Herkunft reduziert zu werden, wobei meine doch Deutschland ist.

2. „Wow, wie exotisch….“

Exotisch? Entschuldigt mal bitte, aber sehe ich aus, wie eine Obstsorte? Was bedeutet überhaupt exotisch? Wenn ihr das Wort mal genauer unter die Lupe nehmt, verwenden wir das für alles, was fremd und nicht aus unserem Kontinent stammt. Exotische Vanille, exotische Tiere, exotische Insel, exotische Völker,…

Dieser Satz ist derart in unserem Sprachgebrauch etabliert, dass die meisten nicht darauf kommen, dass es für einen Menschen verletzend sein könnte, als „fremdartig“ bezeichnet zu werden. Ich weiß, dass es zu 99% als Kompliment gemeint ist, wenn ich diesen Satz höre, aber glaubt mir, das ist es für mich nicht. Damit werde ich nämlich nicht „gleich“ behandelt.

3. „Schau mal, ich bin fast so braun wie du.“

Jep, auch der Spruch geht mir ziemlich auf den Senkel. Diese Albernheit, meinen Arm neben den einer hellhäutigen Person zu halten und zu vergleichen, empfinde, trotz allen Spaßes als rassistisch. Warum? Weil meine Hautfarbe unveränderbar ist. Eine hellhäutige Person kann sich vielleicht „brauner“ machen, ich mich jedoch nicht heller (mal abgesehen von krebserregenden Bleichmittel, die auch nur deshalb im Trend sind, weil helle Haut als Ideal gilt).

4. „Ich hätte gerne deine Hautfarbe.“

Ja auch diesen Satz höre ich nur zu oft. Vielleicht glauben die Menschen, die das sagen, dass ich mich dadurch geschmeichelt fühlen sollte, aber wisst ihr was? Sie wissen nicht, was sie da sagen.

Nein, sie würden niemals gern meine Hautfarbe haben, weil sie vermutlich nicht einen Tag in meiner Haut überleben würden. Aus ästhetischen Gründen mag der ein oder andere meinen Hautton präferieren, aber meine Haut zu tragen, bedeutet mehr. Ständig angestarrt zu werden, kriminalisiert zu werden, stigmatisiert zu werden. Ich liebe meine Hautfarbe, aber es ist so hart, sie zu haben. In einigen Orten auf der Welt (zum Beispiel die USA) müsste ich bloß wegen meiner Hautfarbe und einer voreingenommenen Regierung das Leben fürchten.

Als Kind hat sich übrigens niemand für meine Hautfarbe begeistert. Eher wurde ich ständig danach gefragt, warum ich so dunkel bin und ob man das nicht abwaschen könne. Ich war von Beginn an anders, deshalb sollten auch Kinder sensibilisiert werden, damit sie Dunkelhäutige nicht unbewusst verletzen.

Falls ihr also jemandem ein Kompliment zu der Hautfarbe machen wollt, könnt ihr das natürlich tun, allerdings ohne dieses „Ich hätte das auch gern“ hinzuzufügen. „Du hast so einen schönen Hauttein“ reicht völlig.

Warum teile ich all das mit euch?

Weil ich weiß, dass es viele andere Menschen gibt, die das erleben, was ich erlebe, und nichts sagen. Die meisten Betroffenen, die ich kenne, trauen sich nicht, für sich einzustehen, weil sie glauben, dass es sowieso nichts bringt. Sie gewöhnen sich früher oder später daran, nicht jedoch ohne das Gefühl der Andersartigkeit jemals loszuwerden.

Ich schreibe das hier nicht, um mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern, um etwas im Denken zu verändern. Über das Thema Rassismus gibt es nach wie vor zu wenig Aufklärung. Um das zu ändern, habe ich diesen Beitrag geschrieben. Vielleicht erreiche ich damit eine Person, die sich sagt: „Oh. Ich wusste überhaupt nicht, dass diese Bemerkung rassistisch rüberkommen kann. Gut, dann weiß ich jetzt besser Bescheid!“

Abschließend noch ein letzter Punkt: Ihr könnt einer Person NIEMALS ihre Gefühle absprechen.

Wenn ihr der Meinung seid, dass ihr eine bestimmte Aussage viel zu übertrieben findet, erinnert euch stets daran, dass ihr nicht in der „Haut“ einer Betroffenen steckt. Ihr wisst nicht, wie sie empfindet und könnt ihr daher nicht ihre Gefühle absprechen und etwas sagen wie: „Also ich fand das jetzt überhaupt nicht rassistisch.“

„Okay, was darf man jetzt überhaupt noch sagen?!“ wird der eine oder andere rufen.

Aber darum geht es nicht. Die Lösung liegt nicht darin, GAR NICHTS zu sagen, sondern respektvoll miteinander umzugehen, ohne jemanden zu verletzen. Wenn ihr euch nicht sicher seid, wie das bei der Person ankommt, dann fragt sie einfach. Sagt ganz offen, dass ihr euch nicht genau sicher seid, aber die Person auf keinen Fall beleidigen wollt. Dann habt ihr die Antwort!

Obwohl ich meinen Standpunkt gerade sehr klar geäußert habe, würde ich mich über eure Kommentare freuen! Vor allem interessiert mich, ob ihr euch mal über diese „Komplimente“ vorher Gedanken gemacht habt.

Liebe Grüße

Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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3 Kommentare

Theodor Hansch
Antworten 7. November 2019

Hallo Mounia mit Interesse habe ich deinen Artikel gelesen. Ich kann auch halbwegs nachvollziehen, wie du dich fühlst, und dass dich solche Bemerkungen und Fragen stören.

Ich bin der Meinung, dass Rassismus nach wie vor ein riesiges Problem ist, überall lauert und Menschen darunter leiden. Nur gibt es für mich nur ein ernstes Rassismusproblem wenn man Menschen aufgrund der Herrkunft, Religion oder Gene benachteiligt, beleidigt und verletzt.

Und darunter fallen für mich und für viele andere deine o.g. Punkte nicht.

Viele Menschen fühlen sich genervt, wenn sie nach der Herrkunft gefragt werden. Solange dies aber nicht abwertend gemeint ist, ist es kein Rassismus Problem sondern entweder nervig oder für andere ein Zeichen von Interesse.

Auch ist in Deutschland für viele die gebräunte Haut ein Schönheitsideal. Solange niemand deshalb verachtet wird sondern sogar beneidet wird sehe ich kein Problem, außer das es den einen oder anderen nervt.

Auch der Begriff "Exotisch" mag nerven, aber wie du schon schriebst ist er zu 99% positiv gemeint."Du bist aber schön" kann genauso nervig sein.

Es mag auch nerven wenn die Körpergröße bewundert wird und die schönen Haare, aber dies sind ähnliche Probleme die einen auf einmal gefallen, wenn man den gegenüber sehr sympathisch findet.

Ich verstehe, dass du schlechte Erfahrungen mit Rassismus gemacht hast und das darf nicht sein. Aber ich lese zwischen den Zeilen, dass du glaubst das eine dunkle Hautfarbe in der Welt als etwas minderwertiges gesehen wird. Es ist ganz wichtig, dass man für sich dieses Gefühl komplett ausblendet und davon ausgeht, dass sein gegenüber erstmal kein Rassist ist und nicht diskrimminierend denkt. Denn dann hat man die Chance den bösen Rassismus zu besiegen.

Ach ja die Kinder fehlen noch: Kinder kennen keinen Rassismus, solange er ihnen nicht vorgelebt wird. Und trotzdem können Kinder nerven und brutal sein. Denn sie erkennen sofort wenn jemand anders ist. (besonders schön, besonders dünn, besondern weiß, besonders schwarz, halt anders als die Mehrheit) Dies ist kein Rassismus sondern für kleine Kinder ganz normal. Es ist natürlich eine Erziehungsaufgabe, dass Kinder offen mit Besonderheiten umgehen. Aber Rassismus ist es definitiv nicht.

VG

Ich wünsche mir, dass wir echten Rassismus aktiv aus den Köpfen vertreiben und uns nicht verunsichern lassen und damit vll sogar Ängste schüren besonderen Menschen etwas falsches zu sagen.

Veronika
Antworten 7. November 2019

Ich bemühe mich immer, niemanden wegen seines Äußeren oder seiner (vermeintlichen) Herkunft anders zu behandeln und verkneife mir positiv gemeinte Kommentare zur tollen Haut- oder Haarfarbe. Was ich aber auch sage: "Woher kommst Du / Deine Eltern ursprünglich?". Einfach, weil ich das total spannend finde, gerne etwas vom jeweiligen Hintergrund erfahren würde und interessiert an Fremdsprachen bin. Jetzt würde mich interessieren: gibt es irgendeine Art der Frage / des Einstiegs in die Kommunikation, die Betroffene okay finden würden? Oder lieber gar nichts sagen?

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