Welche Folgen kann es haben, beim Sport immer als Letzten gewählt zu werden?


Jeder von uns kennt das System, in der bein Sport in einer Mannschaft, das Team nacheinander gewählt wird. Sicher finden viele diese Regelung genauso dämlich wie ich, aber ist uns allen eigentlich bewusst, welch langfristige Folgen es haben kann, beim Sport immer als Letzten gewählt zu werden?

Früher war mein Lieblingsspiel beim Sport Völkerball, weil ich den Bällen flink ausweichen konnte. (Warum das Spiel trotzdem sehr problematisch ist und sehr kontrovers diskutiert wird, könnt ihr in diesem Beitrag lesen!) Ich trug häufig den Sieg für mein Team. Das Problem war, dass niemand daran interessiert war, mich in seinem Team zu haben.

Ihr müsst dazu wissen, dass ich als Kind von Bonn nach Berlin gezogen bin. Auf meiner neuen Schule fand ich keinen Anschluss, zumal ich unglaublich schüchtern war. Beim Sport war mein Rang automatisch ebenfalls „niedrig“.

„Bitte lass mich nicht als Letzte gewählt werden!“

Dieses Stoßgebet sendete ich jedes Mal stumm aus. Mit rasendem Herzschlag sah ich zu, wie der Hierarchie nach zuerst die Beliebten und anschließend die Sportskanonen gewählt wurden. Wurde ich als Letzte gewählt, war ich für den Rest des Tages deprimiert und fühlte mich noch uncooler als sonst. Es ging sogar schon so weit, dass ich überglücklich  war, wenn ich als vorletzte gewählt wurde.

Und ich war nicht besser – war ich diejenige, die wählen sollte, selektierte ich nach einem ähnlichen Muster wie meine Mitschüler: Freunde, Sportskanonen, Beliebte und erst dann die „anderen“.  Auch ich hatte den Gedanken verinnerlicht, dass die Letzten buchstäblich „die Letzten“ waren.

Und wisst ihr, wer noch nicht gewählt wurde? Dicke Menschen!

Dicke Menschen mussten ebenfalls bangen und bibbern. Und warum? Weil wegen ihrer Körperform automatisch davon ausgegangen wurde, dass sie unsportlich sein müssten. Jetzt würden einige von euch sicher sagen, dass sie tatsächlich ein paar Menschen kennen, die dicker und im Sport nicht gut waren. Aber vielleicht liegt das ja nicht per se am Gewicht, sondern an etwas anderem

Meine Theorie ist, dass Menschen, die aufgrund ihres Gewichts automatisch stigmatisiert werden, ohnehin schon von Beginn an, unmotiviert zum Sport sind. Wer will schon immer als Letzte gewählt werden? Eine Mitschülerin schwänzte fast jede Sportstunde, weil sie keine Lust hatte, immer die „Letzte“ zu sein. Außerdem müssen dicke Menschen viel mehr Beleidigungen ertragen und unterschwellig damit konfrontiert werden, dass sie so, wie sie aussehen, nicht ok sind. Kein Wunder, beim Sport etwas befangen zu sein.


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Welche Folgen kann es haben, beim Sport immer als Letzten gewählt zu werden?

Der Selbstwert kriegt einen Knacks. Der Sportunterricht hat mein Leben geprägt und kleine Narben in meinem Herzen hinterlassen. Obwohl ich immer recht sportlich war, kam ich mir nie sportlich genug vor, weil ich es trotzdem nicht wert war, ins Team gewählt zu werden (was nicht stimmt, aber das glaubte ich). Wahrscheinlich geht es nicht jedem so, der in meiner Lage war, aber für mich war die Zeit sehr prägend. Ich will damit auch nicht die Schüler, sondern das veraltete System kritisieren.

Und bei Menschen, die nicht sportlich aussehen, kann es ebenfalls verheerende Folgen haben. Fast alle kräftigen Menschen, die ich kenne, haben mir offenbart, dass der Sportunterricht (selbst wenn sie gut waren) die reinste Folter war. Ihr Charakter wurde ständig mit dem Gewicht in Verbindung gebracht (z.B.: Du bist dick und tollpatschig/undiszipliniert), was nicht nur kränkend, sondern auch demütigend war. Kein Mensch kann das einfach wegstecken, immer der „Letzte“ zu sein.

Ich bin der Meinung, dass diese Regel abgeschaffen werden sollte.

Es gibt genügend andere Wege, um jemanden in ein Team zu wählen. Zum Beispiel das nacheinander Abzählen (1,2,1,2,1,2,). Oder die Lehrkraft entscheidet. Oder es wird nach dem Alphabet der Nachnamen entschieden…Ihr seht, es gibt viele andere Wege, die nicht darauf aus sind, den „Letzten“ zurückzulassen.

Buchtipp: „Emotionale Gewalt

Das, was mich überhaupt dazu inspiriert hat, diesen Blogartikel zu schreiben, war das Buch „Emotionale Gewalt“ von Werner Bartens. Das Buch handelt – wie der Titel bereits verrät – um emotionale Gewalt. Diese ist nämlich stetig präsent, ohne, dass sie uns bewusst ist. Auch am Arbeitsplatz, auch in der Schule, auch im Sportunterricht, …

Falls ihr euch diesen  Beitrag zum Thema „Völkerball abschaffen“ durchlesen möchtet, schaut gerne mal hier vorbei:

Völkerball abschaffen? – Smarte Gedanken und lustige Tweets. Eine Sammlung!

Was ist eure Meinung dazu, beim Sport immer als Letzten gewählt zu werden? Seht ihr das ähnlich oder weniger kritisch?

Liebe Grüße
Mounia


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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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3 Kommentare

Sabine
Antworten 29. Februar 2020

Mir ging es im Sportunterricht früher genauso. Immer eine der letzten, die ins Team gewählt wurde. Da ich auch immer schon sehr schüchtern war, habe ich mich insbesondere dadurch immer weniger zugehörig gefühlt. Außerdem hat es mich in meinem negativen Selbstbild bestärkt, völlig unsportlich zu sein. Heute, mit 40 Jahren, habe ich endlich entschieden, es doch mit Sport zu versuchen. Ich laufe - in der Gruppe. Und es ist toll! Endlich gehöre ich dazu, bin gleichwertiger Teil des Teams und merke, dass ich doch Ausdauer und Kraft habe und nicht so unsportlich bin. Schade, dass ich so lange gebraucht habe, um das festzustellen...

Saskia
Antworten 29. Februar 2020

Mir ging es ähnlich und ich würde dir zustimmen: es hinterlässt Spuren. Ich erinnere mich auch noch gut an tränenreiche Diskussionen mit meinem Sportlehrer in der 6. und 7. Klasse: er gab mir in Ballsportarten schlechte Noten, weil ich selten den Ball hatte. Dass ich mich ständig freilief aber auch in einer Super-Position vor dem Tor oder unter dem Korb einfach nicht angespielt wurde und dass das doch eher den anderen als mir angelastet werden sollte, ließ er nicht gelten...VG Saskia

Hana Mond
Antworten 1. März 2020

Das Problem ist mMn, dass am ehesten diejenigen Sportlehrer werden, die Sportskanonen sind und beim "Mannschaften wählen" selbst überwiegend positive Erfahrungen gemacht haben ... und nie erlebt haben, wie es sich anfühlt, immer unter den letzten zu sein. Und es ist ja so schön praktisch: Mannschaften werden ähnlich stark, weil jeder gleich viele Sport-Asse und Sport-Nieten in der Mannschaft hat, und der Lehrer muss gar nichts tun.
Wie oft habe ich unter Artikeln wie deinen von Sportlehrern den Kommentar gelesen "Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht - hm, aber ich war auch immer gut in Sport ...)
Leider bekommt nicht jeder Sportlehrer in der Ausbildung auch Empathie vermittelt. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn in der Lehrerausbildung für jedes Fach auch obligatorisch der Umgang mit in diesem Fach schwachen Schülern vermittelt würde, und wie man diesen Erfolgserlebnisse und Motivation vermitteln kann statt ständiger Niederlagen und Demütigungen.

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