Anstandsreste contra Kaiserwetter: Tischkultur vs. Hungergespür


Wie habt ihr eigentlich ein gesundes Sättigungsgefühl gelernt und was für Tischkultur-Themen standen dem im Weg? Was gebt ihr an eure Kinder weiter und was habt ihr hinter euch gelassen?

Vor kurzem war ich bei einem Dinner eingeladen mit ca. 18 Gästen. Wir saßen am Tisch, jeder konnte sich „buffetmäßig“ an großen Platten bedienen, die auf der Theke platziert waren. Echt sehr leckeres Essen. Am Ende, bevor es zum Nachtisch überging, bemerkte ich das, was ihr auf dem Titelbild seht, und dachte:


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Spannend. Ich blogg‘ das. Aber so was von.

Anstandsrest per Definition: Auf einer der Platten ein armes kleines Kartöffelchen und auf der anderen ein Stänglein Spargel.

Ich stelle mir vor, wie sie den letzten, der sich da genommen hat, angefleht haben: „Bitte nimm uns auch mit, lass uns nicht so allein zurück!“
Der wird sie angeschaut haben und gesagt: „Sorry, ihr zwei, aber ich kann euch nicht mitnehmen. Ihr müsst zurückbleiben, meine Eltern haben mir beigebracht, mir nicht alles restlos zu nehmen….“
Dann kam ich und sprach in Gedanken zu den beiden: „Es tut mir leid, ich bin so satt, ich mag euch nicht einfach aufessen, bloß damit ihr weg seid, und wenn ihr auf dem Müll landet… Schaut, nicht mal Dessert nehme ich mir!“

Und erinnerte mich an meine Kindheit, bin mit den beiden Themen konfrontiert: Aufessen MÜSSEN und vornehmes Zurückhalten SOLLEN.

Meine Großmutter, die noch im 2. Weltkrieg gehungert hatte, hielt mich für „zu dünn“ und versuchte mir bei allen Mahlzeiten mehr Essen unterzujubeln als ich konnte und wollte… Es grenzt an ein Wunder, dass bei mir in diesen Jahren keine Essstörung entstanden ist, als sie regelrecht versucht hat, mich vollzustopfen. Mit übervollen Tellern („Damit du für den Rest des Tages genug Kraft hast!“, mit zu viel Kohlenhydraten („Iss mit Brot!“ oder „Ein Löffelchen voll Zucker… macht den Joghurt leckerer!“) und mit Fleisch („Da ist Eisen und Vitamin B drin!“). Dazu kamen Kaiserwetter-Versprechungen bzw. regelrechte Drohungen („Du bist schuld, wenn es morgen auf der Klassenfahrt regnet!“) und „Kinder-in-Afrika“-Sprüchen… Die kennt ihr gewiss.

Zum Glück war ich ein selbstbewusstes und interessiertes Kind und habe das meistens logisch demontiert, gerade in Sache Afrika, mit der Frage: „Wenn ich das esse, haben die auch nichts davon. Okay, wie können wir den armen Kindern mein Essen schicken?“

Auf der anderen Seite brachte mir die gleiche Großmutter bei, dass in einem vornehmen Setting, wenn Gäste da waren zum Beispiel, es ein absolutes Vergehen war, sich das letzte bisschen Essen selbst zu nehmen. Und wenn ich eingeladen wäre, müsse noch ein kleines Restchen auf meinem Teller bleiben, als Zeichen, dass das Essen genug war. Die Frage, ob’s dann auch regnen würde am nächsten Tag oder ob die Gastgeberin das dann nach Afrika schicken würde, blieb unbeantwortet…


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Mit meiner Tochter war es mir wichtig, dass sie zunächst ein gutes Gespür für ihren Körper und ihr Hungergefühl entwickelt.

Ich habe nie darauf bestanden, dass sie „aufisst“ – selbst wenn sie sich ihre Portion selbst genommen hatte. Wenn wir eingeladen waren, habe ich versucht, mit ihr den Blick für die Bedürfnisse der Mitmenschen zu trainieren: Kann es sein, dass eine Schüssel bei uns steht, und die am anderen Ende des Tisches gern etwas davon hätten? Dann Anbieten. Haben alle ausreichend Wasser in ihren Gläsern? Kann die GastgeberIn Hilfe in der Küche brauchen? So ganz im Sinne des Beitrags über „Manieren“.

Zum Thema Anstandsreste habe ich eine kleine Umfrage noch auf Twitter gemacht und spannende Antworten erhalten – hier ist eine kleine Auswahl:

 

Ich bin gespannt, wie ihr diese Themen Anstandsreste und Teller leer essen lebt und auch an eure Kinder weiter vermittelt… Freue mich auf Kommentare!

Liebe Grüße,

Béa

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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