Das lustige und strenge Elternteil – Erinnerungen aus der Sicht eines großen Kindes


Wie waren eure Eltern zu euch? Waren beide gleich oder gab eine*r von ihnen besonders den Ton an? Heute möchte ich aus der Sicht eines großen Kindes meine Gedanken zum lustigen und strengen Elternteil mit euch teilen.

Bei mir war die Aufteilung schon sehr früh offensichtlich. Ein Elternteil war der Spaßvogel, der andere brummte uns Hausarbeit auf.


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Für den Kontext ist wichtig zu wissen, dass meine Eltern geschieden sind. Sie trennten sich schon als ich klein war – wofür ich im Übrigen sehr dankbar bin! Ich erlebte beide also immer getrennt voneinander. Die meiste Zeit wohnten wir bei meiner Mutter, an den Wochenenden oder Ferien bei meinem Vater.

Das strenge Elternteil

Den Part des strengen Elternteils übernahm meine Mutter. Sie war es, die meistes mit uns schimpfte. Sie war die „Spielverderberin“, die uns nicht alles durchgehen ließ. Sie gab den Ton an – und das passte uns oft überhaupt nicht. Ich kann gar nicht viel mehr dazu sagen, außer, dass ich mich mit der Zeit immer mehr vom strengen Elternteil entfernte.

Das liebe Elternteil

Mein Vater war das genaue Gegenteil. Er erlegte uns fast gar keine Regeln auf. Wir durften tun und lassen, was wir wollten. Bei jedem Spaß war er dabei, er riskierte was und kümmerte sich nicht, wenn die Kleidung mal dreckig wurde.

Mit der Zeit wurde ich immer mehr zum Papa-Kind. Er schimpfte nie mit uns, er war auch nie böse, wenn wir irgendwas kaputt machten. Alles, was unsere Mutter uns nicht erlaubte, sah er weniger streng. Zum Beispiel gab es bei ihm keine Regel, wie lange wir fernsehen durften; zumindest kontrollierte er es nicht. Und wenn er uns höflich darum bat, den Fernseher auszuschalten, tat ich das viel lieber für ihn, weil er mich nicht gleich anschnauzte und überhaupt viel länger fernsehen ließ als meine Mutter.

Noch dazu entstand schon im Kindesalter unser Ritual, jeden Tag miteinander zu telefonieren. Täglich sprachen wir miteinander, manchmal tat ich es sogar mehr als mit meiner Mutter, mit der ich unter einem Dach lebte.

Als Kind wünschte ich mir oft zu ihm zu ziehen, weil ich jeden Tag so viel Spaß haben wollte wie mit ihm. Von meiner Mutter entfernte ich mich immer mehr – vor allem emotional. Ich erzählte ihr nicht mehr so viel, weil ich oft von vornherein wusste, wie sie reagieren würde.

Aber dies alles waren nur mein Eindrücke als Kind. Je älter ich wurde, desto mehr hinterfragte ich mein Schwarz-Weiß Denken.

Meine Mutter weiß doch eine Menge über mich …

Es fing schon damit an, dass meine Mutter zwar nicht so oft wusste, was in meinem „privaten Leben“ abging, aber dafür erlebte sie mich zu Hause sehr oft. Sie wusste, was ich gerne aß und kannte die Serien, die ich am liebsten schaute. Auch was meinen Kleidungsstil anging, konnte sie mich nicht enttäuschen, wenn sie mir mal vom Einkauf etwas mitbrachte.

Da ich nicht mit meinem Vater zusammenwohnte, wusste er das alles nicht. Einmal kaufte er ein Müsli, das ich nicht essen durfte.

„Was, du bist jetzt allergisch gegen Nüsse? Seit wann das denn?“
„Seit fünf Jahren schon.“


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Und das waren nur Kleinigkeiten. Über vieles, das in meinem Alltag passierte, wusste er nicht Bescheid. Das war weder seine noch meine Schuld, sondern lediglich die Konsequenz davon, nicht gemeinsam in einem Haus zu leben.

Natürlich gab es auch viel, das mein Vater über mich wusste und meine Mutter nicht. Aber unsere Geheimnisse waren fast schon freundschaftlicher Natur. Ich sprach mit ihm wie mit meinem besten Freund und nicht wie jemand, der mich erzog. Weil dies der Part meiner Mutter war.

Die Probleme löst immer Mama

Außerdem wurde mir klar, dass es immer meine Mutter war, die die „Drecksarbeit“ erledigte. Sie versorgte uns, wenn wir krank waren, sie ging auf Elternabende, weil mein Vater es nicht schaffte. Und egal, was es für ein Problem gab, sie löste es.

Es klingt hart, wenn ich das so sage, aber der Hauptteil unserer Erziehung geht auf ihr Konto. Sie hat uns fast alles beigebracht. Nicht, dass mein Vater es nicht auch gemacht hätte, aber er war nun mal nicht da. Ich weiß das deshalb so gut, weil mein Vater beim kleinsten bisschen Verantwortung heillos überfordert war. Wann immer es einen Konflikt gab, rief er sofort meine Mutter an, weil er nicht wusste, was er tun sollte. Besonders schwer war es, als meine Schwester und ich Teenager waren. Mit Kindern konnte er noch umgehen, aber Teenager waren eine völlig andere Nummer. Unsere Freundschaft bekam einen Riss und wenn wir vorher nie gestritten hatten, taten wir es spätestens dann.

Mir wurde klar, dass das lustige Elternteil zwar lustig ist, aber eine gewisse Strenge manchmal sehr wichtig ist.

Und je älter ich wurde, desto dankbarer wurde ich für die viele Arbeit, die meine Mutter all die Jahre geleistet hatte. Sie hatte sich zwar oft beschwert, aber heute verstehe ich ihren Frust. Genau wie er wollte sie nur, dass es uns gut geht. Nur musste ein Elternteil nun mal den strengen Part übernehmen und Kinder hin und wieder auch auf Konsequenzen hinweisen.

Weder Papa- noch Mama-Kind

Heute kann ich gar nicht genau sagen, ob ich ein Papa- oder Mama-Kind bin. Ich telefoniere zwar nach wie vor jeden Tag mit meinem Vater, aber ich merke auch, wie ich von meinem Wesen eigentlich viel mehr meiner Mutter ähnele. Auch, wenn ich mich früher sehr oft über sie beschwert habe, habe ich mir doch das ein oder andere von ihr abgeguckt.

Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf.

Meine Eltern hatten beide einen anderen Erziehungsstil. Außenstehende könnten vielleicht meinen, dass dies falsch war, weil Eltern immer als Duo auftreten sollten, aber ich würde ihnen niemals einen Vorwurf machen. Sie waren schließlich auch zum ersten Mal Eltern und mussten sich an die Umstellung, nicht mehr zusammen zu sein, genauso gewöhnen wie wir.

Abgesehen davon finde ich, dass sie das toll hingekriegt haben. Sie haben uns beide mit ihrer Liebe überschüttet. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, deshalb schätze ich es umso mehr. Klar, im Nachhinein ist man immer schlauer, aber aus uns Kindern ist trotzdem etwas geworden!

Wie war das bei euch? Hattet ihr auch ein strenges und lustiges Elternteil? Findet ihr euch vielleicht selbst in einer der Rollen wieder?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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