Die beste Förderung für das Kind: Freies Spielen!


Die Fähigkeiten unserer Kinder sind die wichtigsten Rohstoffe für die Zukunft. Klar wollen wir sie so fit wie möglich wissen! Doch wo liegt überhaupt der Schlüssel zu dieser Entwicklung? In der Schule? Oder schon im Kindergarten, wenn unser Nachwuchs noch vor der ersten Klasse alle Zahlen kennt und bereits rechnen kann? Oder vielmehr in einer glückliche Kindheit, mit viel Raum fürs Entdecken und Spielen?

Ständig reden alle über PISA und sorgen sich darum, dass ihre Kinder nicht genug punkten. Viele entnehmen meist Presseberichten einige oberflächliche Aussagen, und schon ist die Panik hausgemacht. Wer von euch hat PISA-Ergebnisse schon mal näher angeschaut? 2012 zum Beispiel war der Schwerpunkt der OECD Bildungsvergleichsstudie Mathematik- und Naturwissenschaften – der heilige Gral der Bildung! Also genau das, was in Volkes Meinung die Smarten von den Dummen und die Erfolgreichen von den Loosern trennt. Angeblich.

Diese Pisa Studie war eher beruhigend: Unsere Kinder sind nicht dumm!

Denn die jungen Generation der 15- und 16-jährigen sind laut der OECD Studie aus dem Jahre 2012 stellvertretend für Deutschland von 65 teilnehmenden Ländern auf platz 16, also im obersten Drittel! Und das nur 4 Plätze hinter Finnland, dem Bildungsland schlechthin. (Übrigens, sehr ähnlich ist die Sache auch noch 2015 bei der OECD Studie ausgefallen, da hatte Finnland nur mehr Abstand).

Der Preis dafür ist jedoch ziemlich hoch. Denn unsere Kinder sind nicht glücklich.

Bei PISA geht es nicht nur um das fachliche Wissen. Wusstet ihr, dass die OECD Studie auch noch abfragt, wie glücklich unsere Schüler sind? Das Ergebnis ist mau: 2012 stand Deutschland im unteren Drittel auf Platz 16 und damit sogar näher an Korea. DAS sollte uns Sorgen bereiten. Denn genau das sagt so einiges über das Potential für die Zukunft aus.

Aber es kommt noch schlimmer. Unsere Kinder sind nicht nur unglücklich, sondern auch gestresst!

Zweit- und Drittklässler, die über Stress und zu viel Druck klagen? Die gibt’s – und zwar zu viele davon! Eine bundesweite Befragung aus den Jahren 2011 und 2012 wurde vom Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) und Prokids-Institut Herten mit knapp 5000 Kindern im Alter zwischen 7 und 9 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis war erschreckend: 33 Prozent der Kinder sehen die Schule gravierendsten Stressauslöser. Und heute ist es nicht anders: Stress bei Schulkindern führt sogar dazu, selbst die Freizeit nicht richtig genießen zu können.

Anja Beisenkamp, die Leiterin des Prokids-Instituts, war ziemlich geschockt: „Für Erwachsene, die sich die Kindheit immer noch als Hort der Glückseligkeit vorstellen, ist es allerdings erschreckend zu hören, dass Stressthemen die Kinderzimmertür so leicht passieren können.“ Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerd Schulte-Körne, witterte, dass der steigende Leistungsdruck in der Schule viele Kinder in eine gefährliche Überforderung treibe. Er sagte, dass 3% der Grundschüler und 6% der Jugendlichen diagnostiziert depressiv seien.

Als ich mit Unternehmensfreunden und Mompreneurs über ihre Kindheit sprach, war Stress in der Schule für sie fremd. Sie waren klassische Schlechte-Noten-Schreiber, Sitzenbleiber und Blaubriefnachhausebringer. Aber nachmittags zogen sie mit ihren Freunden los, hatten viel Spaß und Freude. Und am Ende wurden sie alle erfolgreich.

Was kam zuerst? Der Schul- oder Elterndruck?

Besorgte Eltern drängen die Schulen zur Sicherung eines Ausbildungs- oder Studienplatzes für ihre Kinder, „nicht nur zu vermehrten Leistungsanforderungen überhaupt, zu umfänglicheren Hausaufgaben usw., sondern insbesondere zu einer weitgehenden Konzentration auf kognitive Leistungsangebote und -anforderungen“ – wie das in der  Untersuchung der Kommission „Anwalt des Kindes“ für das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung von Rheinland-Pfalz festgestellt wurde. Oft passiert dies unbewusst, dass Eltern Druck auf die Kinder ausüben. Und dann gibt’s Zoff in Familien – und Ärger in der Schule.

Das wiederum stresst auch die Eltern selbst: 75 % der Frauen mit schulpflichtigen Kindern fühlen sich durch die Schule der Kinder ebenfalls belastet, wie die Studie „Eltern-Lehrer-Schulerfolg“ der Konrad Adenauer Stiftung ergab. Es kam heraus, dass Eltern in der „Mitte“ sich in einer ambivalenten Rolle sehen, was zu einer „inneren Zerrissenheit“ führen kann. Obwohl sie einerseits die ganze Persönlichkeit ihres Kindes und seine individuellen Potenziale fördern wollen, reduzieren sie andererseits ihre Bemühungen mit zunehmendem Alter des Jugendlichen auf gute Noten für einen guten Schulabschluss. Eltern in den unteren sozialen Milieus sind dem Anspruch der Schule hilflos ausgeliefert und der laugt sie aus. Niemand ist happy.

Die Lösung des Ganzen? Einfach mehr spielen!

Was macht Kinder glücklich, unternehmerisch und  langfristig stark für die Zukunft? „Heranwachsende, denen in der Familie, in Vorschul- und Grundschuleinrichtungen genügend Zeit zum Spielen gegeben wurde, zeichnen sich später durch bessere schulische Leistungen, durch Kreativität, Widerstandsfähigkeit (Resilienz), Selbstvertrauen und soziale Fähigkeiten aus.“ sagte Pädagogikprofessor Dr. Christian Rittelmeyer, in “Erziehungskunst“ unter Bezug auf den Clinical Report der American Academy of Pedriatics von Kenneth R. Ginsburg. Kinder, die zu wenig spielen, sind unglücklich – egal aus welchen Kreisen sie stammen.

Mit der Angst um die Zukunft, bringen wir unsere Kinder um das, was für ihre Entwicklung am besten wäre. Denn was sie brauchen ist die Zeit und Gelegenheiten, sich frei auszutoben und die Welt zu entdecken. Ohne Zwang, ohne ständiges Beobachten und mit viel Kreativität und Experimentierlust.

Müsst ihr mit euren Kindern mehr spielen?

Das Problem ist, dass viele  Eltern das Spielen verlernt haben. In einer Studie mit über 2000 Eltern von Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren in Großbritannien haben 21% der Erziehungsberechtigten angegeben, dass sie nicht mehr wissen, wie „Spielen“ überhaupt geht. Gehören einige von euch auch zu denjenigen, die  von Playmobilfiguren, Bastelbögen oder sonstigem Kinderkram nicht viel verstehen? Dann bloß keine Panik, ich habe hier einige Anregungen für euch:

> Sucht nach einer Aktivität, die nicht nur den Kindern, sondern auch euch Spaß macht. Wie wäre es zum Beispiel mit Backen? Oder Kicken? Was ist mit lustigen Mikrowellenexperimenten mit Marshmallows? Ihr könnt alles tun, was euch einfällt.

> Spielen ist keine Zeitverschwendung! Die einzige Aufgabe besteht darin, die Welt zu entdecken und zu erforschen.

> Plant bloß nicht alles durch, denn nur so entstehen die besten eigenen Ideen. Einfach mal improvisieren!

> Setzt auf Verknüpfungen: Ein Kind mit Matheschwäche lernt auch beim Kartenspielen oder Backgammon, und ein Kind mit Rechtschreibschwäche lernt beim Lesen und anschließendem Rezensionsschreiben bei Amazon oft mehr als in mühsam aufgezwungener Nachhilfe.

> Der Job der Eltern ist manchmal mit einer Führungskraft zu vergleichen – auch das delegieren. Holt euch Hilfe  von Oma, Opa oder dem Babysitter, der diese Rolle übernehmen kann.

> Widersteht dem Gruppen- und Sorgendruck: Nein, es muss nicht noch ein Kurs belegt werden, wenn die Woche schon voll belegt ist.

> Computerspiele sind natürlich nicht gleich abzuschaffen, aber man kann sie auf bestimmte Stunden dosieren. Außerdem soll man über sie reden und die Strategien verstehen. Nur so werden sie pädagogisch wertvoll.

Freies Spielen ist die beste Förderung:
Macht euch immer bewusst, das Spielen für Kinder kein Zeitverplempern ist!

Abschließend noch ein paar wunderschöne Worte von Tanja Gellner, einem Mitglied der Tollabea Community, die ohne Stress und Druck ihre Kinder zu Großem erzieht:

Wir haben uns nach der Erfahrungen bei unseren großen Kids ganz bewusst bei den mittleren Beiden für Entschleunigung entschieden. Statt Gymnasium gehts zur Oberschule, die näher dran ist – so bleibt Nachmittags viel Zeit für’s​ Leben. Beide sind so gut in der Schule, dass Vorbereitung für Arbeiten etc. quasi nicht erforderlich sind, trotzdem hagelt es Einser und Zweien. Wenn sie dann nach der 10. Klasse zum Fachgymnasium wechseln, holt sie die Leistungsgesellschaft noch früh genug ein… Dazu gibt es auch ein tolles Zitat von Astrid Lindgren: „Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann.“

Und, wie steht ihr zum Thema? Teilt ihr das bitte, damit es möglichst viele Menschen erreicht?

Liebe Grüße,

Béa

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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5 Kommentare

Sabine
Antworten 9. März 2018

Richtig und wichtig! Aber wo? Bei uns kann ich sie nicht in der Mittagszeit rauslassen in den "nur gemieteten Garten", den alle nutzen dürfen, es aber keiner tut. Es gab ärger, dass die Kinder (damals zwischen 5 und 12 Jahre, heute zwei Jahre älter) Blätter von den Buschen rupfen und zwischen den Büschen toben. Stimmt, tun sie. Ich habe auch mal "Blattsuppe" gemacht, als ich klein war. Fand ich nicht schlimm. Aber es stört hier manchen Nachbarn. Sobald es geht, sind die draußen, aber an einer verkehrsaktiven Hauptstraße ist ein Spielen unmöglich. Woanders konnten wir uns keine Wohnung leisten, die vergleichbar war. Die Kinder müssen sich im Spielen stark einschränken auf den Gartenbereich rund um unseren Balkon und das kleine Stück Rasen, auf dem im Sommer die Wäsche trocknet...

    Béa Beste
    Antworten 9. März 2018

    Sehr gute Frage, das regt an zu einem Blogpost: Freies Spiel auf kleinen Flächen! Danke!

Clarita
Antworten 15. Juni 2018

Hi grüße dich!

Ich halte von solchen Studien nicht viel. Dadurch wird bereits Konkurrenz und Stress geschürt. Andere mögen es anders sehen, aber ich teile den Gedanken "Freis spielen ist die beste Förderung". Viele Kinder suchen sich eigenständig das Spielen aus. Das Beobachten als Elternteil, kann viel Aufschluss bringen. Was mag mein Kind? Ist mein Kind geduldig oder eher nicht, usw.
Das Entschleunigen ist ein richtiger Ansatz ohne das Kind zu vernachlässigen und das Kind da zu fördern, was ihr/iihn liegt. Ich könnte noch weiter ausholen, aber möchte das hier nicht zu all ausweiten. Ich bin gespannt, was andere über den Ansatz denken.

Danke bea! :)

Lg
clarita von
la-vita-e-bella.de

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