Eingeschlagene Autoscheibe und nun? – Strafe oder Konsequenz?


Neulich bei dem Beitrag von mindfulsun „Vereinbarung mit meinem Teenager“ entbrannte eine Diskussion über Strafe vs. Konsequenz. Vielleicht nutzen viele die Worte austauschbar und meinen auch Konsequenzen, wenn sie von Strafen sprechen.

Um es etwas anschaulicher zu gestalten, hier ein Beispiel aus dem Leben von mindfulsun mit ihrem Sohn und wie sie damit gemeinsam umgegangen sind.

Eingeschlagene Autoscheibe und nun? – Strafe oder Konsequenz?

Im letzten Frühjahr, kurz vor Ende der Grundschulzeit, mein Sohn war damals 12 Jahre alt.

Am frühen Nachmittag erhielt ich einen Anruf aus der Schule: „Ihr Sohn wird heute später nach Hause kommen. Er sitzt hier mit vier anderen Jungs und die Polizei befragt sie gerade. Sie haben die Autoscheibe einer Lehrerin mit Steinen eingeworfen. Danach schicken wir die Jungs nach Hause“.

Ich war völlig geschockt. Und ja, ich war verärgert und ich hatte Fragen! Damit ich nicht sofort emotional reagiere – überreagiere, habe ich mich entschlossen, nicht zur Schule zu gehen und mein Kind abzuholen. Das war mein erster Impuls. Ich habe mir die Zeit genommen, um mich zu beruhigen und auf ein Gespräch mit meinem Sohn vorzubereiten.

Ein: Er kommt durch die Tür und ich bombardiere ihn sofort, kam für mich auch nicht in Frage.

Auch wenn ich schnell Antworten wollte, selbst als Erwachsene fühle ich mich vollkommen in die Ecke gedrängt, wenn mich jemand sofort ins Kreuzverhör nimmt. Das endet von meiner Seite in einer Abwehrhaltung und mit Rechtfertigungen. So ist keine vernünftige Kommunikation möglich.
Ich wollte ein ruhiges, sachliches Gespräch mit meinem Sohn.

Nachdem er also Zeit hatte, zu Hause anzukommen, habe ich ihn gebeten mit mir über die Sache zu sprechen. Ich habe ihn erzählen lassen:

In der Hofpause hat er mit seinen Freunden Steine geworfen, in Richtung Zaun. Warum? Das wusste er nicht mal genau. Er hat einfach mitgemacht. Alle haben zur gleichen Zeit geworfen, immer wieder. Irgendwann klirrte es und einer dieser Steine hatte ein Ziel gefunden: Die Autoscheibe eines vor dem Zaun geparkten Autos. Die Pausenaufsicht wurde aufmerksam und alle mussten ins Büro der Rektorin und wurden befragt. Keiner der Jungs hatte das Auto getroffen, sagten sie. Nach dem Unterricht kam dann die Polizei, schließlich war ja ein Sachschaden entstanden.

Auch die Befragung der Beamten ergab: Keiner hat das Auto getroffen.

Im Gespräch mit mir sagte mein Sohn dann: „Ich kann nicht wissen, ob ich das Auto getroffen habe. Es flogen alle Steine durcheinander und gleichzeitig“. Das war für mich absolut nachvollziehbar.

Er fühlte sich wirklich schlecht, denn das Auto gehörte ausgerechnet noch einer seiner Lieblingslehrerinnen.

Nun die Frage nach dem: „Was tun wir jetzt“? Er wollte sich auf jeden Fall entschuldigen.

Also hat er der Lehrerin einen Brief geschrieben. Und da stand nicht nur drin: Es tut mir leid. Sondern auch, er hat nachgedacht und wird zukünftig besser aufpassen und keine Steine mehr werfen. Er möchte auch den Schaden wiedergutmachen und hofft, sie kann ihm verzeihen. Dann lief er zum Blumenladen und kaufte einen kleinen Strauß. Am nächsten Tag klopfte er am Lehrerzimmer, entschuldigte sich mündlich bei ihr, übergab die Blumen und den Brief.

Zwischenfazit: Ich habe nicht verärgert und im ersten Impuls reagiert und geschimpft.

Wir haben ausführlich und ruhig darüber gesprochen: Was ist passiert, über seine Verantwortung und darüber, wie er sich fühlt. Auch darüber, wie sich die Lehrerin jetzt fühlt und was er zukünftig an seinem Verhalten ändern wird.

Nun gab es natürlich auch ein Telefonat zwischen der Lehrerin und mir.

Auch ich habe mich entschuldigt und ihr gesagt, dass ich mich selbstverständlich an der Regulierung des Schadens beteilige und wir sind gemeinsam die verschiedenen Optionen durchgegangen. (Versicherungen der Eltern teilen sich alles etc.)

Die für sie einfachste Möglichkeit war: Kostenvoranschlag der Werkstatt, uns Eltern die Rechnung schicken und den jeweiligen Anteil einfordern. So haben wir es auch gehalten.

Den Brief mit den Kosten bin ich dann mit meinem Sohn durchgegangen. Er war erschrocken über die Höhe.

Und auch hier hat er Verantwortung übernommen und das war eine der Konsequenzen – die er selbst auch nicht als Strafe empfunden hat: Ich schieße den Betrag komplett vor und er stottert es mir vom Taschengeld ab.

Strafe wäre für mich gewesen: Ich hätte das Taschengeld solange komplett einbehalten, bis der Schaden abgezahlt ist.

Das wollte ich nicht. Er hat seine Beteiligung eingestanden, um Verzeihung gebeten und Verantwortung übernommen. Für mich ist das völlig ausreichend und lehrreich.

Einige Tage später erhielt ich noch einen Anruf der Lehrerin.

Sie bedankte sich bei mir, auch für den Brief meines Sohnes. Zu diesem Zeitpunkt war mein Kind der einzige von allen Beteiligten, der sich entschuldigt hat. Sie war sehr gerührt, auch von den Blumen. An dieser Stelle: Ich bewerte jetzt nicht das Verhalten der anderen Kinder! Vielleicht kam die Entschuldigung später, vielleicht auch nie.

Auch mein Sohn hat noch etwas von ihr bekommen, einen Brief.

Sie hat sich für die Entschuldigung bedankt und sie verzeiht ihm. Sie findet es gut, dass er Verantwortung übernimmt und wünscht ihm viel Glück in der weiterführenden Schule.
Diesen Brief hat mein Sohn bis heute aufgehoben. Ich fand diesen Brief menschlich sehr wertvoll!

Hier konnte ich jetzt hoffentlich schon etwas beschreiben, wo der Unterschied von Strafe und Konsequenz für mich liegt.

Es gab kein: Handy weg, Schimpfen, ich halte ihm einen einseitigen Vortrag.
Es gab Gespräche, er hat sich entschuldigt und die Kosten übernommen. Und daraus hat er gelernt.  Denn das ist etwas, was im Leben wichtig ist:

Wenn ich Schaden anrichte übernehme ich die Verantwortung!

Schimpfen und zusätzliche Strafen verhängen, hätte diesem Prozess geschadet, in meinen Augen. Denn ich möchte auch, dass mein Sohn weiß, er kann mit mir sprechen und wir reden auch über Fehler, ohne das hier der Mond platzt. Denn Fehler gehören zum Leben dazu. Wichtig ist, wie ich damit umgehe, was ich daraus lerne und dann auch verändere.

Eure mindfulsun

PS: Dieser Beitrag entstand im Einverständnis mit meinem Kind. Er weiß davon und hat ihn auch gelesen.

Habt ihr auch ähnliche Situationen mit eurem Kind erlebt? Was sind eure Erfahrungen hinsichtlich Strafe oder Konsequenz?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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