10 Standard-Floskeln aus unserer Kindheit, auf die Eltern verzichten können


Oft wiederholen wir unreflektiert, was wir selbst in der Kindheit gehört haben. Dann lasst uns mal zusammen Gedanken machen, ob Floskeln aus unserer Kindheit wirklich gut für unsere Kinder sind… oder eher nicht:

Wir haben in unserer kleinen Tollabea Redaktion einen recht interessanten Artikel auf der Plattform des amerikanischen Unternehmens Care.com entdeckt, der sich mit typischen Sätzen von Eltern auseinandersetzt, die im ersten Moment sehr vertraut erscheinen, aber besser nicht gesagt werden sollten. Davon angeregt haben die Top 10 Sätze, die vielleicht nicht so gut für Kinder sind, zusammengestellt und sind sehr gespannt auf eure Meinung!

1. „Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder/deiner Schwester.“

Vergleiche unter Geschwistern können zu einem inneren Stau von Eifersucht und Neid führen. Das ständige Gegenüberstellen setzt nicht nur enormen Erfolgsdruck voraus, sondern kann auch nach hinten los gehen und regelrechte Trotzreaktionen hervorrufen. Meistens ist es so, dass von älteren Kindern die Vorbildrolle erwartet wird. Aber auch wenn das kleinere Geschwisterkind als schlauer und smarter hingestellt wird, kann das demütigend und verletzend fürs Ältere sein.

Die Psychologen raten, lieber die guten Momente nutzen und den Kindern ein Gefühl von Verbundenheit vermitteln: „Schau mal, dein Bruder lernt gerade etwas von dir, ist das nicht toll?“ oder „Ihr beide zusammen, ihr könnt die Welt erobern, ihr ergänzt euch richtig klasse!“

 2. „Weine nicht!“ oder schlimmer: „Hör auf zu flennen!“

Wenn ein Kind Kummer hat, oder sich weh getan hat, ist Weinen ein Ventil. Kinder brauchen es, um ihre Gefühle ausleben zu lassen, nicht zu unterdrücken. Besser ist es also, mit dem Kind gemeinsam zu überlegen, was dieses Gefühl ausgelöst hat, offen und ehrlich damit umzugehen und das Kind zu trösten. Also wichtig: Schmerz anerkennen, Trost spenden… aber irgendwann ist es auch unser Job, dem Kind zu helfen, auch damit abzuschließen. Eine kreative Ablenkung ist nach einer gewissen Zeit absolut willkommen – ich habe zu diesem Thema auch gebloggt. Denn irgendwann sind die Erwachsenen-Nerven auch so im Tunnel, dass sie auch auf nichts mehr Kreatives kommen…

Es gibt aber noch mal eine Sondersituation! Ich muss etwas ausholen: Babys und Kleinkinder weinen und schreien, weil sie wirklich in der Not sind. Trotzphasenkinder weinen und schreien, weil sie gar nicht anders können. Aber: Wenn die Kinder etwas älter werden, so nah an der Grundschule, kann es sein, dass sie es schon mal gerafft haben, dass sie mit Weinen und Schreien auch Einiges durchsetzen können – viel einfacher als mit Argumentieren! Hier gilt es, mal das Bauchgefühl einzuschalten, sich ggf. mit einer guten Freundin oder einem etwas älteren Kind zu beraten und Schritte aus der Terrorfalle zu unternehmen! Auch dazu habe ich mal gebloggt: „Don’t cry for me, Aggressina!“ 

Und ich, Béa, fand es mal beeindruckend, wie die Kinder bei mir im Hof einen ziemliche aggressiven Anfall einer 6-Jährigen gegenüber ihrer Mutter trocken kommentierten: „Sie hat uns schon gesagt, dass sie jetzt eine Szene abzieht, die Mutter rückt Süßigkeiten raus, und das reicht für alle.“ Alles klar?

3. „Komm, ich mach das für dich.“

Bestimmt ist es für beide Seiten frustrierend, wenn das Kind es nicht, oder zu langsam auf die Reihe bekommt. Und klar sieht das Bild oder das DIY besser aus, wenn Mama und Papa  geholfen haben. Aber das ist nicht gut für das Kind. Liebe Eltern, bringt die Nerven auf, so oft wie möglich das Kind wirklich „alleine“ machen zu lassen.

Wenn es mal schnell gehen muss, sind hier bessere Alternativen: „Womit kann ich dir helfen? Eine klitzekleine Aufgabe hast du bestimmt für mich?“ – das überlässt dem Kind das Kommando!

Kleine Anmerkung: Wenn das Kind allerdings möchte, dass ein Erwachsener Dinge erledigt, die es noch nicht kann. Hier wäre Totalverweigerung allerdings auch frustrierend. In diesem Fall empfehle ich, auch wieder in Verhandlung zu treten wie oben beschrieben: „Komm, wir teilen uns die Arbeit. Und was du noch nicht kannst, zeige ich dir gern, wie das geht.“

4. „Nachtisch gibt es nur, wenn du aufgegessen hast!“

Der Nachtisch, der einem vorenthalten werden könnte,  wird zu einem Symbol der Belohnung. Nicht nur, dass das natürliche Hungergefühl gefährdet wird, weil man sich zum Weiteressen zwingt, der Nachtisch wird fortan mit dem „Besten“ des Essens assoziiert. Dadurch verlieren Kinder eventuell den Appetit an anderem Essen. Eis, Kuchen und Süßigkeiten sind fortan immer das Erstrebenswerte. Viel besser ist, mit Augenzwinkern zu sagen: „Na gut, dann ist deinem Körper mehr nach Süßem als nach diesem Essen hier. Stimmt das?“ – und dann eine kleine Portion geben. Wenn Kinder lernen, ihre Körperbedürfnisse zu hinterfragen, kann es auch mal sein, dass auch ein Nachtisch für ein Stück Käse liegen bleibt…

5. „Warte, bis dein Vater/ deine Mutter nach Hause kommt!“

Abgesehen davon, dass es seinem eigenen Partner gegenüber total unfair ist, ihn als „der Böse“ abzustempeln: Die Bestrafung oder Schimpfansage dem anderen Elternteil zu überlassen, macht das Problem nicht automatisch auch weg. Höchstens gewinnt man als guter Cop hohes Ansehen, aber dadurch hört das Kind nicht mehr auf einen, im Gegenteil! Klüger wäre, als Team zu handeln, sich abzusprechen und gemeinsam Lösungswege zu finden.

Was allerdings OK ist, finden wir: Das Ankommen des anderen Elternteils als Freude-Moment zu verkaufen! Also: „Ich weiß, mein Schatz… die Hausaufgaben sind echt doof. Aber du möchtest fertig sein, wenn Mama zurück ist, dann können wir zusammen Pizza machen!“

6. „…weil ich es so sage!“

Haben wir das nicht alle als Kinder gehasst? Ja, es gibt den Moment, wenn man nicht noch das 11-470ste „Warum???“ beantworten wollen und können. Besonders Mounia konnte sich selbst als Kind schon reflektieren: Ich glaube ehrlich gesagt, dass dieser Satz ziemlich schwer zu verweigern ist, besonders wie bei mir, einem damals liebenswerten aber sicherlich auch unglaublich nervigen Neunmalklugscheißerchen, das ständig widersprochen und jede Silbe hinterfragt hat: „Aber meine Schwester durfte auch“, „Papa hat uns das aber immer erlaubt.“ „Warum nicht über rot, wenn kein einziges Auto in Sicht ist?“

Aber: Keine Regel von Eltern soll unbegründet und den Kindern vorenthalten bleiben. Wenn die Zeit fehlt, die Gründe zu erklären, dann muss man sich diese trotzdem irgendwie nehmen, so raten Psychologen.

Wir meinen: Es muss nicht immer alles bierernst sein! Wenn tatsächlich der Moment kommt, wenn Erklärungskonstrukte nicht mehr helfen, können Eltern auf Humor zugreifen und einfach lustig sein, statt Regeln durchzukauen: „Weil gestern Abend ein rot-blau gestreifter klitzekleiner Drache in meinem Zimmer stand und mir gesagt hat, dass es so ein muss!“

7. „Ich schäme mich für dich.“

Schande für sein Kind zu empfinden und es laut auszusprechen, das Kind mit reuevollen Gefühlen quälen und das Gefühl geben, nicht liebenswert zu sein. Das ist ein ganz großes No-Go!

Besser raten Psychologen: „Ich bin enttäuscht von dem, was du gerade getan hast.“
Oder: „Ich fand das nicht richtig von dir.“

Also: Nie die Person in Frage stellen, nur den genauen Vorfall!

8. „Du bist noch viel zu jung, um über sowas nachzudenken.“

Geht es etwa jetzt schon darum, dass das Kind fragt, woher die Babys kommen? Naja, was geheim ist, ist bekanntlich noch interessanter. Und wenn das Kind die Antwort nicht von euch bekommt, dann von woanders. Und dies muss auch nicht die wissenschaftlich korrekte sein. Klar wünschen wir, dass Kinder sich mit solchen Themen noch nicht rumschlagen, aber wenn es soweit ist, wäre es wohl am besten, es gleich von den Eltern zu erfahren. Es gibt nichts, was man nicht kindgerecht erklären kann. Familienfinanzen inklusive – warum sollten Kinder nicht mitdenken, wenn es um Geld geht? Oder warum sollten Kindern nicht auch unterschiedliche Religionen und Fanatismus erklärt werden.

9. „Verschwinde! Lass dich nicht mehr blicken!“

Das ist für ein Kind eine sehr verletzende Ausdrucksweise. Dass Mama oder Papa seinen Anblick nicht ertragen, kann es in eine ziemliche Sinnkrise bringen. Ihr braucht etwas Ruhe zum Durchatmen? Für euch?
Dann sagt es auch so: „ich bin gerade sauer und kann nicht geradeaus denken. Ich brauche etwas Zeit für mich. Bin gleich wieder da.“- zwar kann auch dies für Kinder schmerzhaft sein, aber in deutlich milderer Form.

10.  „So lange du deine Füße unter meinem Tisch stellst…“

Das ist so ein Patriarchenspruch, dass wir den nicht wirklich mehr ernst nehmen können. Wer ihn allerdings mal als Witz verwenden möchte, der passe ihn bitte der digitalen Transformation an: „So lange dein Smartphone in meinem WLAN ist!“.

Und, was haltet ihr eigentlich davon? Gibt es mehr Floskeln aus der Kindheit, die wir hier nicht berücksichtigt haben?

Liebe Grüße,

Mounia und Béa

P.S. Hier ist auch der Pinterest-Pin dafür!

 

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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11 Kommentare

Holly_Holster
Antworten 23. Mai 2017

Du kannst das nicht. Du bist zu blöd dafür.

Dieser Spruch nimmt dem Kind jeden Ehrgeiz und jedes Selbstvertrauen im Ansatz. Die Geringschätzung einer Person könnte kaum deutlicher gezeigt werden.

Leider musste ich den Spruch öfter hören, oft in Kombination mit den anderen genannten. Ich finde es traurig, dass Eltern zu wenig über ihre Aussagen nachdenken oder schlimmer noch, diese bewusst tätigen.

Danke für diesen Artikel, der hoffentlich manchen das Fingerspitzengefühl zurück gibt.

    Béa Beste
    Antworten 23. Mai 2017

    Oh ja, wir machen dann noch mal Teil 2 mit dem Inout! Danke! Liebe Grüße, Béa

Mama_Berlin
Antworten 24. Mai 2017

Eine kleine Anekdote aus meiner Kindheit. Ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt dazu passt, aber es viel mir spontan ein...
Wenn uch die Küche verließ, um draußen zu spielen o.ä. und vergaß die Tür richtig zu schließen, kam von Mutter nur:"komm mal zurück!". Ich also zurück "was gibt's?" Meine Mutter:"kannst wieder gehen!" Ich also wieder los, meist ohne die Tür richtig zu schließen. Meine Mutter pfiff mich so lange zurück, bis ich endlich begriff, dass die Tür nicht richtig verschlossen ist. Dann habe ich sie extra laut geschlossen, damit das Spiel ein Ende hat und von meinem Vater kam dann "die Tür hat nen Drücker!"
Ich fand es immer furchtbar, dass sie mir nicht einfach sagen konnte, was los sei.

    Béa Beste
    Antworten 24. Mai 2017

    Ich glaube, sie hat sich extra Mühe gegeben, dass du einen nachhaltigen Lerneffekt hast... aber ich bin da bei dir, ein einfaches: "Schau mal, mein Schatz, so möchte ich, dass du die die Tür zu machst!" wäre besser gewesen. Liebe Grüße, Béa

Claudia
Antworten 16. August 2017

Alt und grau kannst du werden, aber nicht frech...

Lässt mich heute noch auf die Palme springen

Julia
Antworten 16. August 2017

Ganz schlimme "Floskel" für mich ist auch : "In Afrika verhungern die Kinder und du isst nicht auf..." - als ob die Kinder satt würden wenn ich aufessen würde..

    Béa Beste
    Antworten 16. August 2017

    Oh ja, da habe ich immer gesagt: "Dann schick doch mein Essen nach Afrika!" - Liebe Grüße, Béa

Janine
Antworten 16. August 2017

Ich hatte schon als Kind des Öfteren mal Kopfschmerzen und bekam dann zu hören: "Für Koofschmerzen bist du noch zu jung!" Ähm ja ist klar... ich komm dann irgendwann später wieder ?. Nie würd ich irgendwelche Schmerzen meiner Kinder herunter spielen.

Lin Boeckmann
Antworten 30. November 2017

Was ich auch so sehr gehasst habe
,,Du tust das nicht für mich oder deine Lehrer sondern für dich"
Ich bekomme immer noch das würgen
Oder ,,so reich wirst du nie das DU dir ein Diener leisten könntes"
Ein bringst du dein Geschirr Bitte in die Küche hätte auch gereicht

Lene
Antworten 1. Dezember 2017

Als ich in deinem Alter war...

Andere Kinder machen das auch so und so...
Am Tisch wird nicht geredet (ganz furchtbar, zumal es meist die einzige Zeit ist, in der alle zusammen sind und man sich austauschen kann

Azura
Antworten 1. Dezember 2017

Vergessen wurden:
"Das verstehst du noch nicht."
"Du hast einfach keine Ahnung."
"Geh mir aus den Augen!"
"Untersteh dich!"

Die Abwertungen will ich an dieser Stelle weglassen, die triggern eventuell andere so wie obiger Beitrag mich.

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