Unangenehme Gefühle rauslassen oder aushalten? Wie gehe ich mit innerem Widerstand um?


Rassismus, Feminismus, die Gender-Debatte … Es gibt etliche Themen, die bei Menschen auf einen inneren Widerstand stoßen. Und sogar auf unterschiedliche Weise! Aber was hat es mit diesen unangenehmen Gefühlen auf sich? Wie lerne ich, mit ihnen umzugehen – und mit den anderen Menschen, die ihre Gefühle vielleicht ganz anders spiegeln als ich?

Kennt ihr das? Habt ihr das auch mal so empfunden:

Jemand sagt etwas, bei dem ich instinktiv abblocke.

Es ist wie eine unsichtbare Mauer, die hochgezogen wird, und alles, was das Gegenüber von sich gibt, nicht durchlässt.
Das ist der innere Widerstand, und meistens sind die Steine der Mauer besonders hart und besonders fest.


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Ein Beispiel:

Meine Freundin schimpfte neulich mit mir, weil ich, als wir über Face Time sprachen, und ich kurz zu meinem Freund schwenkte, damit die beiden sich begrüßten. Daraufhin bat sie mich (in einem nicht gerade netten Tonfall), es beim nächsten Mal zu unterlassen, wenn sie ungeschminkt war.

Meine erste Reaktion:

Das war doch nur zwei Sekunden?! Er hat dich doch kaum gesehen! Woher soll ich wissen, dass du dich aktuell nicht in deiner Haut wohlfühlst? Kann man das nicht ein bisschen freundlicher sagen, als mich gleich anzumeckern?

Woher kommt dieser Widerstand?

Die Mauern fahren hoch, wenn mein System mir sagt: „Angriff! Schließt die Barrikaden!“.
Ich hatte den Eindruck, dass mich jemand angreift, denn „sich angegriffen fühlen“, ist, wie ich von mindfulsun gelernt habe, ein Pseudo-Gefühl. Ich dachte also nicht, irgendwas falsch gemacht zu haben. Ein kleiner Schwenk mit der Kamera, und schon wurde ich angemeckert? Das fand ich unfair.

Aaaaaber: Eigentlich ging es hier ja nicht um mich … Sie war es, die wütend war, und ich war es, die sie verletzt hatte.

Dass ich instinktiv abblocken und mich nicht mit den Gefühlen auseinandersetzen wollte, die dieser Vorwurf in mir verursachte, ist menschlich… auch wenn nicht gerade reflektiert.

Die Gefühle, die mich erwartet hätten und die ich nicht wollte, wären nämlich Trauer, Scham und Schuld.

Diese Emotionen sind für mich oft kaum auszuhalten.

Innerer Widerstand hat nichts mit der Person selbst zu tun, sondern mit mir und meinen Emotionen, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen kann oder möchte.

Glücklicherweise hat die Geschichte ein Happy End, denn obwohl der Widerstand groß war und ich am liebsten einfach nur abblocken wollte: Ich entschuldigte ich mich. Meine Freundin war dankbar und erklärte dann ausführlicher, warum es ihr aktuell so schwerfalle, sich zu zeigen. Zwar glaube ich noch immer, dass ihr Tonfall etwas scharf war, aber hey – wir alle sind Menschen. Manchmal können wir uns eben nicht immer perfekt ausdrücken. Gerade bei unseren Liebsten sollten wir Verständnis haben.

Aber wie fühlte ich mich?

Ganz ehrlich? Ich verstand sie. Als ich die Mauern niederließ, bekam ich Einblick auf das ganze Bild. Ich dachte auch, daran, wie ich mich in ihrer Lage fühlen würde, und kam zu dem Entschluss, dass es völlig berechtigt, ist, es anzusprechen, wenn man sich unwohl fühlt.

Aber das war nicht alles.

Ich fühlte mich auch schuldig.

Und das ist für mich immer besonders schwer auszuhalten. Ich will niemanden absichtlich verletzen, und wenn es doch passiert, geht es mir mies. Das Schuldgefühl ist besonders stechend, wenn man ganz unbewusst in die Falle tappt, und demnach auch auch aus dem Nichts „attackiert“ wird. Ihr erinnert euch an den FODO Beitrag? Sobald ich andere enttäusche, wird das Schuldgefühl sofort aktiviert. Außerdem schäme ich mich, und auch Scham ist ein sehr unangehemes, stechendes Gefühl.

Aber das ist es wert!

Denn nun weiß ich, woran ich bin, und kann dafür sorgen, dass sich die Situation kein zweites Mal wiederholen wird. Mit dem durchbrechen der Mauer wurde ich zwar kurz von ganz vielen unangenehmen Emotionen erschlagen, aber dann war die Mauer weg, und uns beiden ging es gut!

Wie möchte ich zukünftig mit dem inneren Widerstand umgehen?

Ich habe mir zwei Dinge vorgenommen: Innehalten und dann aushalten!


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Nicht sofort zu einem Gegenangriff ausholen. Einen Moment in mich gehen, und darüber nachdenken, was es in mir auslöst. Mir denken: Warum ich instinktiv hinter der Mauer bleiben will, und was passieren würde, wenn ich die Mauer ein kleines Stück runterfahre.

Und dann müssen wir uns daran erinnern, dass alle – auch die unangenehmen Gefühle okay sind, wir sie aber nicht von uns schieben sollten. Sie auszuhalten klingt sehr radikal, aber ich stelle mir das vor, wie ein Sprung in den Pool. Ganz kurz ist alles stechend kalt, aber wir bleiben trotzdem drin, und nach einer Weile fühlt sich das Wasser ganz angenehm an.

Ich habe euch dieses Beispiel nun anhand eines Konflikts geäußert, aber es muss eigentlich nicht zu einem Streit kommen, um gegen den Widerstand zu docken. Ich erlebe diesen Widerstand ganz oft, wenn ich auch nur die kleinste Sache über Rassismus sage oder schreibe. Dann heißt es schnell „Och ne, Mounia heult wieder rum“, während ich mir nur denke: „Spannend, meine Worte lösen so viel in dir aus, dass es bei dir sofort auf Widerstand stößt und du auf Angriff gehst.“

Denn das ist der Knackpunkt:

Nimm’s nicht persönlich!

Es mag überhaupt nicht um mich gehen, und doch fühle ich mich angegriffen, weil ich mich in einer bestimmten Sichtweise ertappt fühle oder eine andere Meinung habe. Aber weiterhin stur an seiner Meinung festzuhalten, bringt mich nicht voran, und auf diese Weise kann ich mich niemals weiterentwickeln, geschweige denn meinen Horizont erweitern. Besser ist es, rauszuzoomen, und das Ganze wie aus einem Fernsehbildschirm zu betrachten. Als Zuschauer, und nicht als Angreifer oder Opfer. Dann habe ich ein besseres Bild und werde weniger vom inneren Widerstand gebremst.

An dieser Stelle möchte ich übrigens ein ganz großes Lob an Béa aussprechen!! Ich kenne keinen Menschen, dessen Widerstandsmauer so klein ist. Ihre Lebensweise finde ich sehr besonders, denn anstatt alles persönlich zu nehmen, betrachtet sie die Dinge mit ehrlicher Neugier, ist reflektiert und zeigt viel Einsicht.

Ich vermute fast, dass dieser Beitrag bei einigen auf den altbekannten inneren Widerstand stoßen wird. Das ist normal, und ich vermute, dass unser System und nicht ärgern, sondern nur vor heftigen Emotionen schützen will. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich ein paar Menschen zum Nachdenken angeregt habe, und beim nächsten Konflikt vielleicht nicht sofort die Mauern hochgefahren werden.

Wie empfindet ihr diesen inneren Widerstand? Wie geht ihr mit ihm um?

Hier findet ihr mehr Beiträge zum Thema Kommunikation:

Mit dem Herzen reden – gewaltfreie Kommunikation ist kein Mittel zum Zweck

Stille Gewalt ist auch Gewalt? – Wie eine wertschätzende Kommunikation uns Raum für unsere Emotionen gibt

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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