Handyverbot an französischen Schulen – brauchen wir das auch?


Ihr wisst es wahrscheinlich schon, in Frankreich hat Président Macron sein Wahlversprechen wahr gemacht, und das Parlament hat beschlossen: An französischen Schulen gibt ab diesem Schuljahr ein Handyverbot. Abgesehen davon, dass dort auch keiner genau weiß, mit welcher Brechstange das durchgesetzt werden soll…

… lasst uns mal darüber diskutieren:

Brauchen wir ebenso ein Handyverbot an deutschen Schulen?

Ich habe Verena Pausder, Gründerin und Geschäftsführerin des Kinder-App-Entwicklers Fox and Sheep und der Haba Digitalwerkstätten (die es bald auch als Box für zu Hause geben wird!), gefragt, was sie davon hält. Sie ist zwar für ein Einsatz von digitalen Geräten im Unterricht und die Vermittlung besserer Digitalfähigkeiten, spricht sich aber eindeutig für einen Verbot aus für private Nutzung. Und zwar deswegen:

„Wir haben uns als Erwachsene fast schon an den Zustand gewöhnt, dass wir unsere Geräte wichtiger finden als andere Menschen. Sobald eine Pause in einer Unterhaltung entsteht (oder auch nicht), schauen wir auf unser Handy. Wenn ein Meeting langweilig wird (oder auch wenn es interessant ist) checken wir unsere Emails. Weil uns niemand beigebracht hat, die Geräte auch mal wegzulegen und einen achtsamen Umgang damit zu pflegen, müssen wir uns jetzt schmerzhaft selber beibringen auch mal offline zu sein. Daher ist es um so mehr unsere Verantwortung, einen Raum für unsere Kinder zu schaffen in dem sie dieses wie selbstverständlich lernen können. Und da wir im privaten Umfeld dafür nicht die allerbesten Vorbilder sind, können klare Regeln in der Schule hier Wunder bewirken.“ – hier kann man übrigens die komplette Argumentation lesen.

In der Tollabea Redaktion sind Stef (die als Referentin bei der Initiative21 sehr viel digitales Wissen mitbringt), Doro und ich explizite Gegner des Verbots.

Erste spontane Reaktion von Stef als die Nachricht mit dem Verbot in Frankreich bekannt wurde:

„Was für ’nen Müll! Schön die Lebensrealität aussperren, damit die Schule wie vor 150 Jahren weiterlaufen kann. Bloß nicht die Mühe machen, sich mit den Schülern auf gemeinsame Regeln zu einigen….“

Dann geht es weiter – mit einem Zitat aus der Sonderstudie „Schule Digital“ der Intiative21:

„Die Lebenswelt fast aller SchülerInnen und vieler Lehrkräfte ist eine digitale und dennoch muss diese Realität an vielen Schultoren noch immer draußen bleiben. Die öffentliche Debatte verharrt in Deutschland im ‚Ob‘. Ob digitale Bildung sinnvoll ist, hat die deutsche Gesellschaft jedoch bereits beantwortet, in dem sie zu 81 Prozent online ist, die Altersklassen von 14 – 49 Jahren sind es sogar nahezu 100 Prozent.“

Also:

Es ist die Aufgabe der Schule, die Kinder auf die aktuelle und zukünftige Lebens- und Arbeitswelt vorzubereiten. Handys gehören zu diesen Lebenswelten!

Doro hat auch andere Argumente – gerade als Mutter eines Diabetes-Kindes:

„Häufig werden Handys eingesetzt, um auf die Schnelle bei einer Unterzuckerung oder bei Pumpenausfall die Eltern anzurufen und aus der Ferne das Problem zu lösen. Auch können mit Smartphones die Werte von Glukosesensoren an die Elternhandys übermittelt. So können Therapieentscheidungen unter Umständen noch besser gesteuert werden. Noch interessanter wird es bei sogenannten DiY Closed Loop Systemen, da steuert das Handy die Pumpe selbstständig. Das machen noch nicht sooo viele, aber es werden gerade immer mehr.

Bei einem generellen Verbot müssten Ausnahmeregelungen geschaffen werden, die das Handy für die betroffenen Kinder zum Stigma macht, was sie wiederum leicht zum Zielobjekt werden lässt.“

Ich, Béa auch als Schulgründerin würde eine solche Regelung nicht für unsere Schulen befürworten. Meine Meinung:

Das System Schule an sich ist eh träge und behaftet in Traditionen, die schon längst nicht mehr zu unserer Welt gehören! Und die mit den Arbeitswelten in der Zukunft schon gar nichts mehr zu tun haben. Ich glaube, so ein Verbot ist wieder mal ein Versuch, etwas Kosmetik zu betreiben an etwas, das eigentlich grundlegend geändert gehört: Die Lernmotivation der Kinder.

Ich habe in der ganzen Welt  Schulen gesehen, in denen der Gebrauch sämtlicher Mittel zugelassen war! Und das sogar in Prüfungssituationen: vom Buch über kooperative Problemlösung mit den Sitznachbarn bis hin zur Internetrecherche und Skypen mit weltweiten Spezialisten.
Ich habe eine Gruppe von 16jährigen gesehen, die noch eine halbe Stunde vor der Abgabe einer Arbeit einen MIT Spezialisten befragen konnten und damit DIE Lösung hatten… Nicht irgendeine Lösung – sondern die bahnbrechende Lösung, die ihr Denken in Sphären katapultierte, die ihr Lehrer erst durchdringen musste!

Ich habe Jugendliche gesehen, die mitten aus dem Unterricht ihre Eltern oder Onkels anriefen, um ihnen eine Profi-Frage zu stellen – und daneben lauschten interessiert auch Mitschüler und Lehrpersonal.

So funktionieren auch unsere Arbeitswelten. Wir lösen unsere Probleme nicht isoliert vor uns hin – sondern mit anderen Menschen zusammen, verbunden durch digitale Tools.

Meine Meinung: Nicht Smartphones müssen wir verbieten – sondern das System Schule muss so smart werden, dass Wissen und die Erlangung von Fähigkeiten zeitgemäß spannend ist.

Es ist wohl wieder so ein verzweifeltes Versuch, eine Regelung für alles zu finden.

Aber Bildung und Schule kann nicht mehr als „one fits all“-Lösung gedacht werden. Wir brauchen mehr Individualisierung und weniger Reformen! Also:

Am besten entscheidet das jede Schulgemeinschaft für sich, demokratisch, mit Mitspracherecht derjenigen, die betroffen sind: Die Kinder und Jugendlichen selbst.

Und vielleicht einigen sie sich sogar darauf, die Handys zu großen Teilen des Tages liegen zu lassen? Oder gar zu Hause? Jetzt können wir diskutieren, ob schon Grundschule in der Lage sind, solche Entscheidungen zu treffen? Meine Erfahrung als Schulgründerin sagt: Ja. Auch wenn es nicht einfach ist. Verenas Worte habe auch mich nachdenklich gemacht, ich bin ein absoluter Handysüchtling (dazu ein anderes Mal mehr).

Aber es braucht einen ganzen Befähigungsprozess für demokratische Prozesse in Schulen. Und genau dieser ist das, was unsere Kinder für ihre Zukunft brauchen. Das wäre echt gute Bildung. Und gute Schule.

Was meint ihr dazu? Was meinen eure Kinder?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

nicole richter
Antworten 27. Oktober 2018

Hmm, ich merke, dass ich dieses Thema in meinen verschiedenen Rollen als Lehrerin, Mama bzw. Lern- und Prüfungscoach ganz unterschiedlich sehe.

Als Mama finde ich es mittlerweile wichtig, dass die Kinder auch einmal Handfreie Zonen haben. Die Konzentration und das Dranbleiben an einer Sache, das intensive Lesen und Erarbeiten von Inhalten ist auf einem Miniaturbildschirm einfach unergonomisch. Bei einem iPad wäre das schon anders.
Als Lehrerin in einer nicht allzu üppig ausgestatteter Schule finde ich es natürlich klasse, wenn SchülerInnen sich einen Text mithilfe des eigenen Smartphones erschließen und so jeder in seinem Tempo arbeiten kann.
Und als Lerncoach (auch als Lehrerin) sehe ich auch, dass Eltern ihren Kindern viel zu früh die Hoheit über das Smartphone geben - z.T. ohne zu wissen, dass ihre 9-10 jährigen Kinder damit Vollzugriff auf das Internet haben, ohne sich adäquat schützen zu können. Apps, Social Media, YouTube, Spiele - sie alle sind auf die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer aus. Da ist Lernen oft nicht attraktiv genug.
Wenn alle Beteiligten das eigene Nutzungsverhalten immer wieder kritisch reflektieren (Eltern haben da eine Vorbildfunktion!) und immer wieder aushandeln, sollte einer gewinnbringenden Nutzung aber nichts entgegenstehen...

    Béa Beste
    Antworten 28. Oktober 2018

    Danke dir für diese differenzierte Sichtweise! Liebe Grüße, Béa

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