Mit dem Herzen reden – gewaltfreie Kommunikation ist kein Mittel zum Zweck


Zum letzten Artikel von mindfulsun: „Ich-Botschaften: Auch bei Kindern sorgen sie für bessere Kommunikation!“ kamen auch Fragen auf. Sie greift sie heute auf und erklärt, warum für sie die gewaltfreie Kommunikation die Sprache des Herzens ist. Und es kommen auch Wölfe, Giraffen und ein Schwan vor…

Heute schreibe ich über meinen Weg zur Gewaltfreien Kommunikation. Vielleicht kann ich somit die eine oder andere Frage beantworten oder auch einen anderen Blickwinkel darauf eröffnen.

Ich kam vor ca. 5 Jahren mit Gewaltfreier Kommunikation in Berührung. Eine Bekannte erzählte voller Begeisterung davon.

Ich hörte nur Wolfs- und Giraffensprache und dachte: „Mein lieber Schwan!“

Ich fand es interessant, mehr auch nicht. Denn ich war der Überzeugung, eine gute Kommunikatorin zu sein.

Irgendwann beschloss ich, meine Werte wirklich zu leben. Dazu gehört auch ein wertschätzender, achtsamer und respektvoller Umgang mit anderen Menschen. Ich merkte, was ich als gute Kommunikation meinerseits empfand, war es nicht in jedem Fall. Oft genug konnte ich mich nicht verständlich machen. Wenn ich früher oft durch die Blume sprach, weil ich Angst hatte mich verletzlich zu zeigen oder meine Bedürfnisse selbst nicht erkennen konnte, merkte ich: So geht das nicht weiter! Das hilft weder mir, noch meinem Gegenüber.

Am Ende des Blumenstraußes kam eben nicht viel an. Das lag an mir!

Und dann: Wie oft ist mir dann in meiner Hilflosigkeit verbal die Bommel geplatzt!

Statt auf Verständnis bin ich manchmal auf Ablehnung und Rechtfertigungen des anderen Menschen gestoßen. Aus heutiger Sicht völlig nachvollziehbar für mich.

Der Weg der Veränderung – hin zu meinen Werten – bedeutete, mich in Selbstreflexion zu üben und auch meine Bedürfnisse zu erkennen.

Der zweite Schritt war, diese auch angemessen zu kommunizieren. Hier habe ich dann wieder zur Gewaltfreien Kommunikation gefunden.

Ich nenne sie für mich: Verbindende Kommunikation.

Denn in meinem Empfinden funktioniert das am besten, wenn Sender und Empfänger diese Sprache sprechen. Ich kommuniziere etwas von Herzen und das kommt dann an, wenn der andere mit dem Herzen zuhört.

Natürlich kann ich Menschen kein Buch zur Gewaltfreien Kommunikation unter die Nase halten: „Lies das mal, bitte! Wenn du fertig bist und es verinnerlicht hast, können wir uns dann weiter unterhalten. Bis dahin: Auf Wiedersehen!“

Ich kann meinen Teil beitragen. Am Anfang kam manchmal von Menschen aus meinem Umfeld ein Irritiertes: „Was hast du denn geraucht?!?“, wenn ich unbeholfen versuchte, mich gewaltfrei auszudrücken. Wie auf Stelzen manövrierte ich durch diverse Gespräche. Wo früher meine Berliner Schnauze einfach so drauflos plapperte, kamen hölzerne Sätze. Ich war extrem darauf bedacht, alles richtig zu machen.

Ergebnis: Das war nicht förderlich im Miteinander!

Es gab noch eine Hürde. Meine Bedürfnisse endlich artikulieren zu können, bedeutete auch für eine Weile: Die Bedürfnisse der anderen gingen bei mir ein wenig unter. Es war, als hätte ich das Ruder von einer auf die andere Seite gerissen. Und wahrscheinlich habe ich Gewaltfreie Kommunikation am Anfang dazu benutzt, den Fokus auf mich zu legen. Weil es ja so schön klingt und weil es ja nicht falsch sein kann.

Doch, kann es! Denn diese Form der Kommunikation lediglich zu benutzen, ist für mich nichts anderes als Manipulation. Da kann ich auch gleich schwarze Rhetorik anwenden.

Ich erkannte für mich: Es ist ein Prozess.

Meine Werte leben, achtsam und wertschätzend zu kommunizieren, passiert nicht über Nacht. Ich lerne, nicht mehr zu urteilen und zu bewerten. Auch darüber nicht, dass andere Menschen eben nicht so kommunizieren. Ich habe verstanden, ich kann authentisch bleiben, brauche keine vorgefertigten gewaltfreien Sätze zu benutzen. Alles was es braucht, sind Achtsamkeit, Respekt, Empathie und authentisch dabei bleiben. So passt sich meine Sprache nach und nach meinen Werten an.

Und ich übe mich darin, wirklich zuzuhören.
Gewaltfreie Kommunikation ist keine Einbahnstraße für mich.

Es ist ein aufeinander zugehen, sich begegnen, ohne Mauern zu bauen. Es ist ebenso wichtig, im Gespräch den anderen zu sehen und nicht nur für mich etwas auszudrücken. Hier ist Empathie der Grundpfeiler. Wie oft habe ich früher oft zugehört, nur um zu antworten und nicht um wirklich mit dem Herzen zu verstehen?

Was, wenn ich trotzdem auf taube Ohren stoße? Wenn jemand über meine Grenzen latscht, mich verbal in eine Ecke drängt und die Gewaltfreie Kommunikation scheinbar einfach nichts bringt? Ich bleibe bei mir.

Ich lerne, meine Grenzen zu achten und das auch zu formulieren. Und das ist für mich wirklich schwer mit der Posttraumatischen Belastungsstörung.

Mir ist wichtig geworden:

Grenzen setzen, ohne auszuteilen und Menschen dabei zu verletzen.

Spüren und respektieren, wo die Grenzen der anderen Menschen sind.

Meine eigenen Bedürfnisse achten und die der anderen Menschen.

Verbindende Kommunikation: Auf die anderen achten und auf mich!

Ich erwarte nicht von jedem, dass er gewaltfrei kommuniziert. Wenn jemand in Konfliktsituationen versucht bei sich zu bleiben, ist das für mich sehr wertvoll.
Wenn das überhaupt nicht funktioniert, kann ich auch ausdrücken:„Hier ist meine Grenze!“ Oft genug findet sich ein Weg.
Auch hier wieder: Wenn beide es wollen. Und ich habe gelernt, es gibt nicht immer sofort Ergebnisse. Geduld!
Ich schaue auch in mich selbst: Habe ich das richtig rüber bringen können? Wo hapert es bei mir? Habe ich vielleicht nicht richtig zugehört? Gehe ich wertschätzend auch auf die Bedürfnisse des anderen Menschen ein?

Ein sehr wichtiges Anliegen ist für mich die persönliche Kommunikation geworden. Ich versuche mich, so weit es geht, von diversen Messengern zu verabschieden.

Wichtige Dinge bespreche ich lieber persönlich. Denn für mich sind nicht nur die Worte wichtig, sondern auch Mimik, Gestik und der Tonfall. Kein noch so „gewaltfrei“ geschriebener Satz kann Augenkontakt ersetzen. Ich habe es mir oft einfach gemacht und schriftlich kommuniziert. Wie viele Missverständnisse daraus entstanden sind! Wie oft haben sich die Fronten verhärtet.

Fazit: Es liegt nicht in meinen Werten ein Wolf zu sein, der mit Sprache zubeißt und andere damit verletzt.

Ob ich bereits eine Giraffe bin, die mit ihrem langen Hals einen Überblick hat?

Noch nicht ganz. Auf jeden Fall versuche ich es mit einem großen Herzen: Wie eine Giraffe. Denn sie hat ein Herz von ca. 11 bis 12 Kg, das zählt zu den größten der am Land lebenden Tieren.

Ich benutze gewaltfreie Kommunikation auch nicht zur Manipulation oder als Mittel zum Zweck. Sie gehört zu meinem Leben dazu. Authentisch, manchmal mit einer Portion Berliner Schnauze.

Und authentisch bedeutet für mich: Nicht frei von Fehlern, es gelingt mir nicht jedes Mal! Achtsam dafür sein, bei Fehlern entsprechend handeln. Das ist mir wichtig.

Eure mindfulsun

P.S. von Béa: Welche Berührungspunkte mit Gewaltfreier Kommunikation habt ihr gehabt und welche Erfahrungen macht ihr so?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Hanno
Antworten 11. November 2019

"Ich lerne, nicht mehr zu urteilen und zu bewerten." - Puh, das scheint mir ein weit verbreiteter Irrtum zu sein, dass das mit der gewaltfreien Kommunikation gelernt wird. Und es ist auch nicht das Ziel - sondern, wie richtig dargestellt: Es ist eine wunderbare Methode, um mit einem Gegenüber in eine verstehende Verbindung zu kommen. Dazu reicht es - in Bezug auf das Urteilen und Bewerten, sich der eigenen Urteile und Bewertungen bewusst zu werden - um dann damit die Verantwortung zu sich zu nehmen zu können. Im Inneren den Schritt zu machen vom "Ich bin sauer, weil Du X getan/gesagt/... hast" zum - verbindenden "Ich bin sauer, weil ich Y gerade so sehr brauche und es momentan nicht bekomme". Genau das kann die gewaltfreie Kommunikation leisten - und das mag ich sehr.
Und es braucht Training; aus Büchern ist es nur sehr begrenzt erlernbar. Vor allem, weil die Prozesse, die mit dem Bewusstwerden der eigenen Bewertungs-Schemas einhergehen sehr oft mit einem persönlichen Wachstum einhergehen - so wie es in dem Beitrag ja auch beschrieben wird.

Ich freue mich immer spontan, wenn ich Artikel zur Gewaltfeien Kommunikation finde, weil ich die Herangehensweise und die dahinter stehende Philosophie des friedlichen Umgangs miteinander sehr mag. Deshalb: Danke Dir, mindfulsun, fürs Schreiben des Beitrags und Bea für das Veröffentlichen!

    Béa Beste
    Antworten 12. November 2019

    Von mindfulsun: Herzlichen Dank für dein Feedback, Hanno!

    Bei mir fing es mit der dahinter stehenden Philosophie an. :) Ich wollte endlich meine Werte leben.
    Einen Kurs zur Gewaltfreien Kommunikation habe ich noch nicht gemacht. Was da genau gelehrt wird, weiß ich daher nicht.

    Ich bin durch Achtsamkeit zur gewaltfreien Kommunikation gekommen. Eigentlich nicht ausschließlich zu DER Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg - generell zu einem verbindenden Umgang miteinander. Die Grundlagen dazu habe ich in der Therapie bekommen, in der Meditation, mich belesen und im Austausch mit anderen Menschen.
    Für mich waren die ersten Punkte: Selbstreflexion und „beobachten ohne zu bewerten“. Das nicht ausschließlich in der Kommunikation. Ist das nicht auch der erste Schritt in der Gewaltfreien Kommunikation: Beobachten ohne zu bewerten?

    Achtsam dafür werden, wenn ich bewerte. Das ist mir sehr wichtig.
    Für mich gehen Achtsamkeit und verbindende Kommunikation Hand in Hand und ja, das ist Training. Eins, das sich für mich lohnt. Ich spüre den Unterschied sehr genau und es fühlt sich stimmig und gut an.

      Hanno
      Antworten 12. November 2019

      Liebe mindfulsun, ich freue mich sehr, dass mein Kommentar einen Wert für Dich hat!
      "Ist das nicht auch der erste Schritt in der Gewaltfreien Kommunikation: Beobachten ohne zu bewerten?"
      Zur Antwort auf Deine Frage möchte ich an zwei Dinge aus Deinem letzten Kommentar anknüpfen:
      Zum einen ist es tatsächlich möglich, zu beobachten ohne zu bewerten. Dafür steht ganz besonders das von Dir angesprochene Meditieren, bei dem ein Zustand frei von bewertenden Gedanken erreicht werden kann. Und das ist ein sehr friedlicher wertvoller Geisteszustand.
      Zum anderen sprichst Du das Vier-Schritte-Modell an, welches zu didaktischen Zwecken gerne in der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg verwendet wird - und es stimmt: da wird der erste Schritt gerne mit "Beobachten ohne zu bewerten" überschrieben.
      Es geht dabei glaube ich weniger um das „Beobachten“ an sich, sondern um die Formulierung der „Beobachtung ohne Bewertung". Zunächst wird das didaktisch damit begründet, dass uns sonst niemand zuhören mag, wenn wir sie oder ihn beurteilen, weil es als schimpfen ankommt.
      Ich glaube aber, der tiefere Sinn des ersten Schrittes ist ein anderer: Er ermöglicht mir mit einem hoffentlich ausreichend selbstkritischen Blick zu prüfen, ob ich selbst noch Empathie-bedürftig bin. D.h. ich habe dann, wenn ich die gewaltfreie Kommunikation nötig habe, schon gemerkt, dass ich in einem Konflikt und damit in Bewertungen stecke und stelle meiner ersten Sichtweise zur Klärung in mir selbst eine neutrale Formulierung gegenüber – die „Beobachtung ohne Bewertung“. Aus dem Auseinanderklaffen von meiner ersten Wahrnehmung und der anschließend formulierten „Beobachtung ohne Bewertung“ kann ich auf meine nicht erfüllten Bedürfnisse schließen (Selbstempathie).

      Ohne Erreichen des Zustands von Selbstempathie wird uns aber beim ersten Schritt leider sehr leicht die gewaltfreie Kommunikation „um die Ohren fliegen“, weil wir möglicherweise glauben, mit der neutralen Formulierung ist ja dann erstmal alles klar – Beobachtung ohne Bewertung ist formuliert – check – raus damit – jetzt werde ich verstanden werden!

      Was hier passieren kann: Selbst wenn wir neutrale Worte wählen, wird unser Ärger/ unsere Trauer/ etc. bei unserem Gegenüber ankommen durch unseren Tonfall, unseren Gesichtsausdruck, unsere Gestik und zwar als Bewertung. Darauf wollte ich letztlich hinweisen: Der „erste Schritt“ kann uns in eine trügerische Sicherheit führen. Und er ist für mich eigentlich nur ein Trick um zur Selbst-Empathie zu finden. (OK – „nur“ ist übertrieben – ist schon ein guter Trick :-) )
      Das Vier-Schritte-Modell hat vor allem didaktischen Wert – das für mich Entscheidende ist das Üben beim Finden von Empathie/Selbst-Empathie. Wenn wir Selbst-Empathie für uns gefunden haben und im weiteren auch für unser Gegenüber Empathie gefunden haben – dann spielen „Schritte“ und auch die gewählten Worte (besonders im mündlichen Gespräch) eine untergeordnete Rolle. Selbst-Empathie ermöglicht uns wieder cool mit der als konflikthaft erlebten Situation zu sein – und erst dann können wir friedlich nach Außen kommunizieren. Die vier Schritte bieten uns vor allem eine Struktur um im Inneren zu einer empathischen Haltung (zurück) zu finden. Auch der erste Schritt mit der Benennung als „Beobachten ohne Bewerten“ kann dabei helfen.

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