Lasst die Kinder mehr glotzen – in Originalton der Sprache, die sie lernen!


Lasst die Kinder mehr glotzen! Wat nu? War nicht gerade hier vor einigen Tagen die Rede davon, TV und Tablet eher zu reduzieren? Nun ja, heute geht es um Sprache…

Ihr kennt meine Geschichte, ich war nur 15 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam, nur „Danke“, „Bitte“ und „Guten Tag“ beherrschend. Na gut, auch „Ziehen“ und „Drücken“ hatte ich drauf, wegen den Türen. Aber sonst nicht viel. Englisch sprach ich dafür gut… und zwar mitunter auch, weil im rumänischen TV damals die wenigen Filme und Serien, die es gab, ohne Synchronisation liefen. Sondern im Originalton und mit Untertiteln.

Ich dachte, super! Schön am deutschen TV kleben, dann lerne ich auch Deutsch. Was eigentlich gut gelang. Nur einige Monate später verstand ich schon jede Menge… mehr als ich sprechen konnte.

Aber damit kam auch bei Filmen, die ich bereits kannte, ein komisches Gefühl!

Einer der ersten Filme, die ich mit den kleinen Jungs meiner Schwester zusammen anschaute war „Das Dschungelbuch“. Das komplette Erlebnis war befremdlich: „Probier’s mit Gemütlichkeit“? Wie bitte? Was war das für eine Aussage??? In Balu’s Lied geht es doch um „Bare Necessities“. Das ist ein Wortwitz zwischen „bare“ = bloß, nackt, simpel und „bear“ = Bär, sprich Balu – beziehungsweise dessen Art im Dschungel zu leben. Das ist eine ganz andere Aussage!

Und obendrauf war es total ungemütlich, Kaa „Vertraue mir!“ NICHT lispeln zu hören:, was einfach nicht in Ansätzen dem phonetisch passenden „Trusssssst in me!“ entsprach.

Und  Trickfilm war noch das geringste Problem. Bei synchronisierten Schauspielern hatte ich das Gefühl, sie sind nur noch eine Parodie ihrer Selbst. Humphrey Bogart’s  Lippen bewegten sich und heraus kam, mit einer völlig komischen Stimme: „Ich seh dir in die Augen, Kleines“. Noch heute wirkt das grenzdebil im Vergleich zum „Here’s looking at you, kid“, damals selbst vom Schauspieler improvisiert aus der eigentlichen Zeile aus dem Drehbuch: „Here’s good luck to you“.

Für mich, Filme und Serie „gedubbt“ zu erleben beraubt mich bis heute des Urgefühls von guter Unterhaltung.

Damals schaute ich aber weiter – und lernte Deutsch dabei. Insofern hat es mir dann eher genutzt als geschadet.

Und genau darum geht es mir in diesem Blogbeitrag: um den Lerneffekt für Sprachen!

Ich lernte Deutsch mit Filmen, Shows und Serien, und wurde der schauspielerischen Leistungen und ursprünglichen Bedeutungen beraubt.

Unsere Kinder, die meist Deutsch als Muttersprache haben, könnten beides haben bei Streamingdiensten und DVDs: Lernsprache und Spaß!

Ich selbst hatte damals, wie eingangs beschrieben, mit nur 15 Jahren ein bereits sicheres, fließendes Englisch drauf. Klar, Schulunterricht dazu gab es schon ab der zweiten Klasse (politisch interessierte wissen, dass, anders als in der ehemaligen DDR, Russisch nicht so geschätzt in Ceausescu’s Rumänien war).

Aber das spärliche Unterhaltungsprogramm im damaligen rumänischen Fernsehen war, bestimmt auch aus Kostengründen, einfach so, wie es kam. Flipper, Tom & Jerry, Woody Woodpecker, Daktari und Lassie – die Serien meiner frühen Kindheit – oder später Dallas, Denver und Columbo, alles lief auf Englisch, mit rumänischen Untertiteln.

Ich habe mich damit in die Sprache „reingehört“ – und dann auch noch Schnelllesen in meiner Muttersprache entwickelt, wie fast alle Kinder damals in diesem Land. Wenn ich in den Niederlanden, Norwegen oder Schweden bin, merke ich, dass dort eine ganze Bevölkerung vom TV profitiert: Die können Englisch und zwar richtig gut. Bis heute sind dort die meisten Filme und Serien nicht synchronisiert, sondern nur untertitelt.

Meine Anregung für euch ist einfach: Kinder lieben Unterhaltungsprodukte… Filme, Serien, auch interaktive Spiele. Und Kinder lernen Sprachen intuitiver als Erwachsene. Sie scheren sich nicht um Satzbau, Konjugation, Flexionen und Grammatikregeln – sondern sie tauchen in Sprache ein. Kinder sind ja schon gewohnt, nicht alles im Leben so logisch und strukturiert verstehen zu müssen, wie wir Erwachsenen. Sie machen sich oft einen Reim aus dem, was sie gerade ungefähr verstehen – und das genau ist echtes, tiefes Lernen. Immersion!

Also: Wollen sie glotzen? Lasst die Kinder MEHR glotzen!

Aber macht mit ihnen den Deal, dass sie in der Sprache schauen dürfen, die sie gerade lernen.

Insbesondere Englisch ist ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Die vernetzte Arbeitswelt ist bereits heute Realität, in internationalen Teams. Je früher, unkomplizierter, spaßbezogener und selbstgetriebener die Kinder diese Sprache von früh an als natürlich empfinden, desto leichter werden sie kommunizieren und sich mit Menschen in der ganzen Welt verständigen.

Und noch was, liebe Leute: Was für eure Kinder gut ist, ist für euch auch gut!

Auch für jemanden, der gerade nicht tagtäglich in einer anderen Sprache arbeitet, bietet Unterhaltung die Möglichkeit, den Wortschatz und die Ausdrucksweise frisch zu halten. Schaut mit. Schaut selbst in O-Ton, statt normales TV in der Sprache, in der ihr denkt und fühlt. Ich weiß, am Anfang ist das zäh. Aber gebt euch so mindesten 30 Minuten für euch selbst, um reinzukommen. Gebt nicht nach nur 5 Minuten auf. Ich verspreche euch, es ist nur eine Gewöhnungssache. Kommt schneller, als es sich in den ersten Minuten anfühlt…

Und noch etwas – ich habe auch hier bewußt einen Ausdruck vermieden: Fremdsprache. Das Plädoyer gegen das Wort FREMD in Verbindung mit Sprache kennt ihr, oder? Stempelt die Sprachen, die ihr lernt, nicht als FREMD ab.

Sondern lasst Filme und Serien genau das für euch und eure Kinder leisten: Vertrautheit mit Sprache!

Und wenn wir schon dabei sind, welche schönen spanischen Serien legt ihr mir ans Herz, zum lernen? „Velvet“ (affiliate Link, also Werbung) und „Chicas del Cable“ habe ich schon durch, Natürlich in Originalton. Mit Untertitel auf Spanisch!

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Und natürlich besteht die Welt nicht aus Glotzen. Das „Mehr“ besser doch nur am Wochenende und gut dosiert einsetzen…

Und noch was, wenn ihr euer Kind beim Englisch lernen auch noch zusätzlich unterstützen wollt – wir haben Scoyo getestet! 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Petra
Antworten 31. Mai 2018

Du schreibst mir da aus dem Herzen- es gibt eigentlich nichts schöneres als sich eine neue Sprache zu erschließen. Und gerade mit Filmen und Serien und beim Lesen von Büchern lernt man sprachliche Register kennen die man sonst nicht so einfach mitbekommt und lernt.

Ich finde ja auf Spanisch "La plaza del Diamante" toll und historisch interessant, zudem war die Serie eine Art Meilenstein der spanischen Geschichte. Und wenn es mal so eine Mantel und Degen- Historienschnulze sein darf "Las aventuras del Capitán Alatriste". Da du mit Rumänisch und keFranzösisch aufgewachsen bist ist Spanisch ja einfach, die romanischen Sprachstrukturen trägt man ja dann verinnerlicht im Herzen und kann dann die nächste(n) romanische(n) Sprache(n) im Handumdrehen.

Ich selbst lerne gerade mit großem Spaß Schwedisch, natürlich mit Filmen, Serien, Podcasts, Internetseiten und erschließe mir die Sprache so auf angenehm spielerische Weise.

Tollabea-Fan
Antworten 27. Mai 2019

Ich stimme 100% zu und danke wiederum für den Tipp! Eigentlich habe ich das immer schon vermutet, aber es bestätigt zu bekommen, macht ein besseres Gefühl :-) Als Kind durfte ich nicht viel fernsehen. Aber wenn, dann habe ich MTV „inhaliert“ - auf Englisch, denn eine deutsche Station gab‘s Ende der 80er/Anfang der 90er halt nicht. Fazit: Eine glatte 1 in Englisch seit jeher und die Frage meiner Englisch-Lehrerin an meine Eltern, ob wir Englische Verwandtschaft haben (nein). Bestimmt gehört auch eine gewisse „Begabung“ zum intuitiven Lernen von Sprachen, dennoch vollste Zustimmung, liebe Bea!

    Béa Beste
    Antworten 27. Mai 2019

    Vielen lieben Dank für dieses Kommentar! Und ja, natürlich gibt es individuelle Lerntypen, und auch Menschen, die wirklich Regeln und Grammatik brauchen... aber hey, ein Versuch ist es wert, immer... Liebe Grüße, Béa

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