„Zieh dich an, mir ist kalt!“ – Eigene Themen auf unsere Kinder und andere Menschen projizieren


Heute möchte ich mit euch gemeinsam zum Thema Projektionen reflektieren. Dazu wichtig: Ich bin keine Therapeutin! Alles, was ich hier schreibe, habe ich in meiner eigenen Therapie gelernt. Falls also TherapeutInnen mitlesen: Anmerkungen sind gerne willkommen. Ich ändere das ab! Danke.

Mich hat es extrem weitergebracht, besonders beim Thema Selbstreflexion und alte Wunden bearbeiten. Vielleicht kann es auch euch unterstützen und anregen, da mal in euch zu schauen. Projektionen sind ja etwas, was bei uns unbewusst abläuft. Das war mir auch nicht immer so klar.


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Ich möchte das jetzt ganz einfach erklären (ja, ich weiß, Freud z.B. hat es als Abwehrmechanismus definiert). Mein Therapeut hat es mir so deutlich gemacht: Ich projiziere etwas auf andere Menschen und Situationen, was in mir selbst ist. Ich stelle mir das als Projektor vor:

Meine eigenen Wünsche, Emotionen, Gedanken, innere Konflikte – also meine eigenen Filme – auf andere Menschen und Situationen projizieren.

Der Film läuft in mir und das Licht des Projektors scheint auf andere. Ich schreibe ihnen etwas zu.

Ein simples Beispiel zu Beginn: „Zieh dich warm an, mir ist kalt!“ Das kam bei mir als Mutter häufig vor.
Mir war kalt, also muss es doch meinen Söhnen auch kalt sein. Es begriffen habe ich spätestens wirklich bei meinem zweiten Sohn, der seit er ein kleiner Junge war, seine Socken ständig ausgezogen hat. Mit nackten Füßen zu Hause, egal bei welchen Temperaturen. Im Winter wollte er nie Stiefel tragen, stets nur Turnschuhe. Er hat eben ein anderes Temperaturempfinden, als ich es habe.

Anders könnte ich Projektion auch so beschreiben:

1. Ich projiziere etwas auf einen Menschen (was besonders mit unseren Kindern passiert). Ich schreibe ihm etwas zu, meine eigenen Ängste, meine Wünsche etc.
2. Ich interpretiere das Verhalten oder das Gesagte der Person so, dass ich bestätigt werde (zum Beispiel in meinen Ängsten)
3. Ich reagiere nur noch auf meine Projektionen und Interpretationen und nicht mehr auf den Menschen selbst.

Wie ich bereits schrieb, mit unseren Kindern sind unsere Projektionen sicher besonders stark.

Und wenn ich möglicherweise Angst habe, dass mein Kind nicht selbstbewusst genug ist (etwas, was sich in mir abspielt und spiegelt), versuche ich vielleicht ständig das Kind irgendwie zu fixen.

Ein Beispiel von mir und ich zeige mich hier bewusst authentisch und somit verletzlich, um es für euch deutlich zu machen. Eine meiner Projektionen, entstanden aus meiner eigenen Kindheit:

Ich wollte meinen Kindern Liebe geben, unabhängig von Leistung und ihrem Verhalten, so wie ich es als Kind nicht erfahren habe.

Ich habe meine gesamte Zuneigung, alles was ich selbst als Kind nicht hatte, an meinen älteren Sohn gegeben. Andere Menschen würde das womöglich als „überbehüten“ bezeichnen. Als mein Sohn dann 16 Jahre alt war, kam der Moment der Klarheit. Er wollte die Schule abbrechen.

Meine Ängste liefen Amok in meinem Kopf: „Was soll aus dem Jungen werden?! Er wollte doch Abi machen und studieren. Wie soll seine Zukunft jetzt aussehen?“ Ich habe allerdings in dem Moment ihn gesehen und nicht meine Angst: Er wollte nicht mehr, ihm ging es nicht gut. Also bin ich diesen Schritt mit ihm gegangen, habe meine eigenen Ängste beiseite geschoben und ihn machen lassen. Ich war für ihn da, als er sich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr gesucht hat und dann einen Ausbildungsplatz.

In ein paar Wochen jetzt schreibt er seine Prüfungen und wird diese Ausbildung ausgezeichnet abschließen. Vor zwei Jahren hatten wir ein inniges Gespräch miteinander und er sagte zu mir: „Mama, ich weiß, du wolltest immer nur das Beste für mich und mich beschützen. Das hat mir in meiner Selbstständigkeit nicht immer geholfen. Ich bin dir so dankbar, dass du mich dann meinen eigenen Weg gehen lassen hast und dabei an meiner Seite warst.“

Das war ein unheimlich berührendes Gespräch. Und ich habe erkannt: Ich wollte Dinge anders machen als meine Mutter und bin dabei übers Ziel hinausgeschossen. Ich habe (unterbewusst) meinem Sohn gegeben und noch viel mehr davon, zu viel, was ich als Kind nicht hatte und doch so brauchte.

„Nichts hat psychologisch gesehen einen stärkeren Einfluss auf ihre Umgebung und besonders auf ihre Kinder als das ungelebte Leben der Eltern. C.G. Jung“


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Manchmal ist Projektion auch wie mit einem Lastwagen voller Müll in das Wohnzimmer eines anderen Menschen fahren, den Müll abladen und ihn dann dafür hassen, wie eklig und unordentlich es bei ihm ist.

Das passiert häufig, wenn wir uns nicht klar darüber werden, dass unsere Gefühle bei uns liegen und andere dafür verantwortlich machen.

Ich habe hier schon über Pseudogefühle geschrieben und die Art, wie wir gelernt haben uns auszudrücken, hilft auch nicht wirklich, zu reflektieren.

Fiktives Beispiel: Wenn ich also denke, dass mich jemand ignoriert, ist das eine Zuschreibung. Ich bin traurig oder frustriert, weil ich keine Antwort erhalte und male mir Dinge aus wie: Die Person nimmt sich keine Zeit zu antworten, sie hat keinen Bock, ich bin egal oder…oder… oder.

Wie oft ist der andere dann am Ende in Gedanken ein Arschloch? Und ich gehe vielleicht wütend auf ihn zu?
Mittlerweile kann ich meine Projektionen schon besser durchschauen, eben da ich gelernt habe, mich nicht mehr in Pseudogefühlen auszudrücken. Wie das funktioniert?

Ich lasse Dinge wie in einem Film ablaufen. Ich schaue darauf, was passiert ist:

1. Ich habe geschrieben.
2. Ich habe (noch) keine Antwort.
3. Was ich fühle, liegt bei mir.

Ich kann nicht wissen, was in dem anderen vor sich geht, warum er noch nicht geantwortet hat. Die Interpretation: Ich werde ignoriert, liegt bei mir. Es sind meine Ängste, die ich da projiziere. Und die liegen irgendwo in meiner Vergangenheit.

Wie oft machen wir andere Menschen für unsere Gefühle verantwortlich und merken überhaupt nicht, woher das kommt? Welche Muster sich da in uns abspielen?
Wie oft richten wir das Licht dann auf andere und sagen: „Du bist Schuld!“
Dabei läuft der Film in uns selbst.

Selbstreflexion ist also hier das große Zauberwort.

Am Anfang ist es vielleicht auch hilfreich, sich Dinge aufzuschreiben. Und dann Schritt für Schritt in die Reflexion gehen.

An dieser Stelle: Ganz wichtig! Auch Grenzen setzen, wenn ich merke, andere Menschen projizieren ihre Themen auf mich. Wenn also jemand wütend wird, hat es mehr mit ihm zu tun als mit mir und da setze ich eine Grenze. Eigentlich ist der Ausdruck „Komm mal klar!“ gar nicht so abwegig. Denn wenn andere Menschen nicht mehr mich sehen, wie ich bin, sondern mir etwas zuschreiben, ihren Film auf mich projizieren, dann kann ich fast sagen und tun, was ich will: Oftmals sieht mich der Mensch nicht mehr wirklich.

Und dann ist es an mir, mich auch zu schützen.

Ihnen fehlt in dem Moment auch die Klarheit, das Bewusstsein, was sich wirklich in ihnen abspielt. Kinder können diese Grenzen noch nicht in jedem Fall setzen. Umso wichtiger ist es, dass wir Eltern merken, wenn wir projizieren!

Wo Projektionen mit unseren Kindern noch sehr stark sind: Wenn wir sie in Situationen sehen, die uns als Kind selbst wehgetan haben. Und dann sind es unsere Ängste und der alte Schmerz, die uns leiten.

Hier ist es wichtig, das zu merken und zu vertrauen:

Ja, sie unterstützen und den Raum geben, selbst zu lernen und sich zu behaupten.
Ja, sie sind unsere Kinder, sie sind nicht wir.
Auf ihre Bedürfnisse reagieren, sie als Individuen sehen. Nicht unsere Ängste, Wünsche, Erlebnisse oder Hoffnungen auf sie projizieren und dann danach handeln.

Projektionen passieren ständig: Mit Freunden, in Partnerschaften, im Beruf…überall.
Wichtig ist mir: Das sind unterbewusste Prozesse, die bei jedem Menschen ablaufen!

Ich habe mittlerweile gelernt, besonders bei starken Emotionen hinzuschauen, das Licht auf mich zu richten:
Was passiert gerade in MIR und wo kommt das her? Scheinwerfer auf mich selbst richten: Anstatt mit dem Finger auf den anderen zu zeigen.

mindfulsun

PS: Könnt ihr nach dem Lesen sagen, ob ihr erkennt, wann ihr zum letzten Mal etwas auf jemanden projiziert habt?

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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