Weit mehr als digital zurückgeblieben – was viele Schulen wirklich versäumt haben!


Es ist nicht unbedingt das Normalste der Welt, dass in Deutschland Kinder und Jugendliche von Zuhause aus lernen. Vielmehr ist Homeschooling wohl eines der radikalsten Dinge, die man den deutschen Bildungssystem so antun kann. Obwohl es doch mittlerweile so locker von den Lippen flockt…

Der Sache halber muss man hier eindeutig differenzieren, wie Béa schon mal auf den Punkt gebracht hat: Eigentlich bedeutete Homeschooling, dass der Unterricht dauerhaft von den Eltern zuhause durchgeführt wird. FREIWILLIG! Auch wenn das in der aktuellen Situation nicht selten der Fall ist, wird ja nur temporär von Zuhause gearbeitet, und das Lernen (hoffentlich) durch die Lehrkräfte unterstützt. Das „richtige“ Homeschooling ist eigentlich aufgrund der Schulpflicht verboten. (Allerdings wird das in den meisten europäischen Ländern anders gehandhabt…)


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Dass der Switch zum Homeschooling (auch Fernunterricht oder Distanzlernen) nicht so reibungslos funktioniert hat, war jetzt ja nicht sonderlich überraschend. Oder hat irgendwer erwartet, dass der Overheadprojektor doch über einen versteckten USB-Anschluss verfügt?

Googelt man „digitaler Rückstand“, zeigen die ersten Treffer alle mit dem Finger auf das Bildungswesen. Eigentlich paradox!

Fehlender Breitband-Internetzugang, überlastete Lernplattformen und Lehrkräfte, die nicht einmal über eine dienstliche E-Mailadresse verfügen – alles noch brandaktuelle Themen! Das allseits vertraute „Könnt ihr mich hören?“ am Anfang der Videokonferenz wird uns wohl noch länger begleiten.

Trotzdem: Ich glaube, wir machen es uns VIEL zu einfach, wenn wir sämtliche Patzer des Homeschoolings auf die digitalen Rückstände schieben.

Die digitale Kommunikation mit Schüler*innen im Homeschooling war und ist eine zentrale Herausforderung der Schulen.

Was dabei aber häufig vergessen wird, sind die Methoden hinter den technischen Mitteln!

Ganz fundamental dabei: Das individuelle Lernen.

Das ist in sämtlichen Schulgesetzen der Länder ausdrücklich notiert, aber längst nicht überall praktiziert. Schulen, die schon vor der Pandemie Konzepte für das selbstregulierte Lernen etabliert haben, haben jetzt weniger Probleme! Die Orientierung an Kompetenzrastern, individuelle Lernzeiten, Lernentwicklungsberichte statt Noten, Lerntagebücher… Durch solche Methoden wachsen die Schüler*innen in ihrer Entscheidungsfähigkeit, im Selbstmanagement und darin, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen.
Das sind Qualitäten, die mit zu den Wichtigsten im Homeschooling bzw Distanzunterricht gehören!

Zum Beispiel, wenn man mit aller Kraft die Finger von der PlayStation lässt.

Oder keinen Sündenbock findet, der einen gerade total vom Lernen abhält… außer sich selbst.

Wenn die Schüler*innen vorher nie die Chance hatten, ihr eigenes Lernen zu planen, dann ist das Scheitern jetzt doch fast vorprogrammiert.

Krampfhaft versuchen Schulen, ein Fernunterricht durchzuziehen, der möglichst wenig vom Regelunterricht in der Schule abweicht. Meist nach dem Konzept: Presentation – Practice – Production (Lehrkraft macht vor, Schüler*innen machen nach, am Ende gibt’s ne Note).
Sorry, aber totaler Irrsinn, bei all den Möglichkeiten des Homeschoolings.
Denn das birgt so einige Chancen: Im eigenen Tempo arbeiten. Selbst verstehen müssen, statt einfach auf Durchzug zu schalten. Selbst einteilen, Prioritäten setzten. Lernstrategien anwenden. Lehrer*innen als Lernbegleiter*innen.
Für Schüler*innen, die so auch schon vor dem Lockdown gelernt haben, wohl eher Routine. Für alle anderen… tja.


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Eine Schule kann technisch bis an die Zähne bewaffnet sein und selbst die Königsdisziplin virtuelles Klassenzimmer meistern – und trotzdem sagenhaft scheitern!
Wofür Videokonferenzen, wenn eh nur einer redet?
Wofür iPads, wenn eh alles auswendig gelernt werden muss?

Und noch ein Plädoyer, auch wenn es zunächst vielleicht nicht im Bereich des Sichtbaren scheint:

Was glaubt die Schule was sie ist? Was glauben die Lehrer was sie tun? Wonach handeln sie?

Das Schule eine heilige Stätte der Bildung und Erziehung ist?
Und von Schülern verlangt wird, pünktlich zu kommen, nicht zu lärmen und stets freundlich und respektvoll der Lehrperson gegenüber zu sein?
Oder, dass Schule nicht nur ein Lernort, sondern auch ein Lebensort ist?
Und, dass Lernen durch Werte wie Vertrauen, Wertschätzung und Mitwirkung gerahmt wird. Klingt nach pädagogischem Gelaber? Vielleicht.
Aber als zufällig würde ich es nicht beschreiben, dass Schulen, die die Krise gut meistern, immer wieder auf ihr Leitbild verweisen. Eben auf das, was ihnen ein Anker ist und Orientierung gibt in stürmischen Zeiten.

Dass der Lockdown die Schulen massiv getroffen hat, hängt natürlich von vielen Faktoren ab.

Für mich ist dabei aber das größte Versäumnis, dass viele Schüler*innen vielleicht vorher nie wirklich das Lernen selbst gelernt haben.

Ein Rückstand, der dann in alle anderen Bereiche schwappt!

Wenn ihr auch davon überzeugt seid, dass „wenn nicht jetzt wann dann“ in Sache Ausprobieren gilt:

Hier ein paar leicht verdauliche Strategien um das Lernen zu lernen!

  • Organisationsstrategie: MindMapping. Die Schüler*innen ordnen ihre Gedanken zum Themeneinstieg, W-Fragen zu einem Themenfeld, als Übersicht über Aufgaben der Woche. (Béa wird in den nächsten Tagen ein Video zum Thema in Social Media lancieren.)
  • Feedbackstrategie: Lernlandkarte zeichnen. Eignet sich vor allem zur Reflektion einer Einheit: Den Lernprozess aufmalen, wichtige Stationen, Höhen und Tiefen… so wie im Bild oben!
  • Reflektion: Simple Fragen stellen, um den Lernprozess ins Bewusstsein zu rücken: Wo hat sich Lernen diese Woche gut angefühlt? Was ist mein Lieblingslernort? In welcher Position lerne ich am besten?
  • Zeitmanagementstrategie: ABC Methode. Alle Aufgaben eines Tages/einer Woche priorisieren. A = sehr wichtig, B= weniger wichtig, C= Routine.
  • Konzentration: Standby-Mode. Alle Gedanken, die beim Lernen kommen, aber nichts direkt damit zu tun haben auf einen Zettel schreiben. Dann ein Standby Zeichen (⫰) dahinter setzten. Am Ende der Woche gemeinsam reflektieren, wie es geklappt hat!

Und jetzt zu euch! Wie steht es um Lernstrategien bei euren Kids?
Wie schwer oder leicht fällt es ihnen, selbstreguliert zu lernen?

Und an alle Lehrkräfte: Wie hat sich euer Unterricht durch das Distanzlernen verändert? Wieviel Eigenverantwortlichkeit haben die Schüler*innen entwickelt?

Eure Larissa

P.S. von Béa: Und jetzt bitte nicht an die Lehrkräfte auslassen. „6! Setzen!“ hat noch nie jemanden geholfen… also am besten lernen wir alle miteinander, wie gutes Lernen geht, oder?

Larissa
About me

Studentin, Mentorin, Potenzialentfalterin. Lebt leicht. Liebt alles was mit Entwicklung zu tun hat: Schule, Menschen, Städte... und Blumen! Familienmensch. Hat große Träume für die Bildungslandschaft. Und ein überdurchschnittlich hohes Bedürfnis nach Schnörkeln.

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