„Da braucht wieder jemand eine extra Wurst?“ – Bedürfnisse friedlich verhandeln


Jeder Mensch ist anders, und so ist es auch mit unseren Bedürfnissen. Für ein friedliches Zusammenleben finde ich es total wichtig, diese klar zu kommunizieren, und die der anderen anzunehmen. In diesem Beitrag findet ihr ein paar Vorschläge, um Bedürfnisse friedlich zu verhandeln.

Sicher haben die meisten von uns eine Eigenart, die uns hin und wieder das Leben schwer macht. Bei Béa ist es ihre Lochphobie. Löcher in den Socken oder der Strumpfhose wühlen sie total auf. Am Anfang fand ich es beinahe absurd, dass sie so heftig auf meine Laufmaschen reagierte. Aber da ich ihr kein unangenehmes Gefühl geben wollte, kam die Strumpfhose kurzerhand weg.
Das Bedürfnis wurde klar kommuniziert und akzeptiert.


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Natürlich kenne ich es auch vor mir. Es gibt etliche Dinge, bei denen ich eigen bin. Ganz schlimm sind Gerüche. Ich habe eine sehr sensible Nase und verspüre besonders bei starken/stechenden Düften ganz schnell eine heftige Übelkeit. Oft will ich mich am liebsten wegsetzen, aber meistens kommuniziere ich es gar nicht, weil ich der anderen Person kein blödes Gefühl geben will.

Und das ist falsch. Denn so „ertrage“ ich den Zustand, während die andere Person gar nicht weiß, wie es mir geht. Aber warum entscheide ich mich überhaupt bewusst dazu, zu schweigen?

Angst vor Unverständnis

Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, der nicht gern mit anderen im Clinch steckt, aber noch mehr Angst habe ich davor, nicht verstanden zu werden.

Hä? Was bist du denn so empfindlich? Das ist doch keine große Sache. Übertreib mal nicht…

Das klingt zwar alles sehr hart, aber gerade bei vermeintlichen Kleinigkeiten ist die Angst davor, als verklemmt oder „etepetete“ gehalten zu werden, sehr groß. Außerdem wollen wir der anderen Person oft keine Umstände bereiten, und entscheiden uns lieber, im Stillen zu leiden.

Hätte Béa mir nie gesagt, dass sie eine Lochphobie hat, wäre ich ständig mit meinen kaputten Socken durch ihre Tür spaziert und irgendwann vermutlich gar nicht mehr eingeladen worden. Stattdessen hat sie es klar kommuniziert, ich dachte mir „Huch! Okay, krass!“, aber konnte mich schnell anpassen.

Angst vor Scham

Die Angst hat aber noch eine weitere Stufe, denn noch mehr fürchte ich mich davor, belächelt oder gar ausgelacht zu werden. Denn dann schäme ich mich und fühle mich erniedrigt. Ich suche den Fehler automatisch bei mir, und denke, dass ich falsch bin und irgendwas nicht mit mir stimmt, weil alle anderen scheinbar kein Problem damit haben. Dabei geht es gar nicht um falsch und richtig, sondern lediglich um die individuellen Bedürfnisse eines Menschen.


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Eine Freundin von mir hat zum Beispiel panische Angst vor Micky Maus. Als sie mir zum ersten Mal davon erzählte, musste ich instinktiv lachen und sagte ihr, dass diese Figur erstens fiktiv und zweitens total friedlich ist. Doch dann fing sie an zu weinen, und ich dachte mir nur „Oh. Das ist kein Scherz. Sie hat wirklich Angst.“

Das ist nämlich das Ding mit „peinlichen“ Eigenarten – sie werden oft nicht ernstgenommen. Und das ist nicht gut. Menschen sollten sich offen fühlen, ihre Bedürfnisse ohne Angst vor Spott zu teilen.

So, und nun zu den Schritten des friedlichen Handelns der Bedürfnisse:

Kommunizieren – verstehen – akzeptieren

Schritt 1: Äußert eure Bedürfnisse.

Das Problem kann sich nur dann lösen, wenn die andere Person weiß, dass es da ist. Ob es sich nun um einen Tick handelt, eine Eigenart oder einen Trigger – macht euer Gegenüber darauf aufmerksam. Wichtig ist natürlich auch das WIE. Wertschätzende Kommunikation, ohne sich gleich an die Gurgel zu gehen.

Schritt 2: Geht in den Dialog und versucht, das Problem zu verstehen.

Natürlich schulden wir niemandem eine Rechenschaft, aber es hilft immer mehr, wenn die Person bereit ist, zu erklären, warum das und das nicht geht.

Da wären wir auch wieder beim Thema innerer Widerstand. Anstatt die Mauern automatisch hochzufahren und sich instinktiv zu verschließen, kann es helfen, die Worte erst mal anzunehmen und nachzufragen, was es mit ihnen auf sich hat.

Schritt 3: Akzeptiert das Bedürfnis.

Ihr müsst es nicht verstehen – ich verstehe auch nicht genau, warum Béa sich von Laufmaschen fürchtet,  aber ich akzeptiere, dass wir Menschen unterschiedlich sind, und hoffe, dass meine Eigenarten ebenso angenommen werden.

Traut euren Mitmenschen ruhig mehr Verständnis zu!

Im Übrigen habe ich festgestellt, dass die meisten Menschen aus meinem Umfeld sehr positiv darauf reagieren, wenn ich meine Bedürfnisse klar kommuniziere. Gut nicht alle – ein paar ältere Familienmitglieder sind zu stur und halten mich tatsächlich für etepetete, aber das ist okay. Ich habe es versucht, und muss mich auch nicht dafür schämen, dass meine Bedürfnisse anders sind als die anderer.

„Da braucht wieder jemand eine extra Wurst?“
Nein, nur Verständnis des Gegenübers! <3

Wie kommuniziert ihr eure Bedürfnisse? Fällt es euch leicht, bei euren Eigenarten Raum einzunehmen?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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