Warum sind Ich-Botschaften nicht egoistisch – sondern bedürfnisorientiert


Heute möchte ich noch ein wenig zu Ich-Botschaften und der gewaltfreien Kommunikation schreiben – schreibt unsere Kolumnistin mindfulsun:
Béa hatte vorgestern auf Facebook noch mal meinen Artikel veröffentlicht und es kam in den Kommentaren auf:

Sind Ich-Botschaften nicht egoistisch?

Mein ganz klares Verständnis, so wie ich sie meine: Nein! Das sind sie nicht.

Generell versuche ich nicht mehr in Schubladen zu denken. „Egoistisch“ ist eine dieser Schubladen. Da Schubladen noch in vielen Köpfen verankert sind, einfach weil wir so konditioniert sind, habe ich dieses Wort aufgegriffen.

Was es mit den Ich-Botschaften nach meinen Werten und in meinem Leben auf sich hat, möchte ich gern beschreiben. Mit der Gewaltfreien Kommunikation habe ich gelernt, meine Bedürfnisse und Gefühle zu äußern. Es geht darum auszudrücken, was in mir lebendig ist. Was ich brauche, um mein Leben zu bereichern und schöner zu machen. Und das auch von anderen Menschen zu erfahren.

Nehme ich jetzt einfach mal das Wort:

Bedürfnis

Was macht das mit euch, wenn ihr das lest?

Das ist durch meine ganze Kindheit und Prägung negativ besetzt:

Ich bin bedürftig.
Es ist egoistisch Bedürfnisse zu haben und sie zu äußern.
Ich muss meine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen, meine Kinder kommen immer zuerst.
Meine Bedürfnisse spielen keine Rolle, sie werden beurteilt und abgelehnt.

Ich hatte also nicht richtig gelernt, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und sie zu äußern.

Und es war mit Ängsten und Scham verbunden.
Anstatt also eine Sprache zu sprechen, die mitteilt was ich fühle und was ich brauche und mir wünsche, habe ich – wie viele andere Menschen auch – eine andere Sprache gelernt:

Verurteilen, beschuldigen, beurteilen, in Schubladen stecken, bewerten, kritisieren, andere Menschen und ihr Verhalten analysieren und entsprechende Schlüsse für mich zu ziehen.
Mein Vokabular dafür, andere Menschen und das, was sie sagen oder tun zu bewerten, war weitaus größer als mein Vokabular meine Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken.

Ich bin manchmal noch fassungslos, wie ich über 40 Jahre lang nicht nur so gedacht habe, sondern das auch genauso kommunizierte.

Was ich heute weiß: Wir alle haben es in uns, gerne zum Wohlergehen von anderen beizutragen. Freude zu empfinden, das Leben von anderen Menschen zu bereichern! Ich schließe mich hier auch nicht aus. Ich kann selbst zu meinem eigenen Wohlergehen beitragen und ich kann andere um etwas bitten. Und zwar mit Ich-Botschaften. Dazu ist es wichtig, dass ich in einem lebendigen Kontakt mit meinen eigenen Gefühlen bin und schaue, was ich in dem Moment brauche. Es ist auch eine Einladung an den anderen Menschen, seine Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen.


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Ich-Botschaften heißen doch nicht: „Das will ich und nun mach mal!“

Und ich verschränke die Arme, trampele mit den Füßen und warte darauf, dass der andere Mensch jetzt loslegt und liefert.

Ich-Botschaften sind Teil einer wertschätzenden und respektvollen Kommunikation, in der ich auch die Bedürfnisse und Gefühle des anderen Menschen im Blick habe.

Wie fühlt sich der andere? Was möchte er? Wie können wir eine Strategie entwickeln, dass wir in unseren Bedürfnissen aufeinander zugehen?

Denn das macht es für mich aus:

Ich werde mein Leben lang auf Menschen treffen, deren Bedürfnisse nun mal nicht die meinen sind.

Dann aufeinander zugehen, jeder mit Ich-Botschaften, ohne vom anderen zu fordern oder verbal auf den anderen einzudreschen, ist mir wichtig.

Ich-Botschaften sind Teil einer ganzen Kommunikation. Und Teil der Kommunikation ist dann auch: Wie fühlst DU dich? Was geht in DIR vor? Was brauchst DU?

Ich nehme es als Geschenk an, wenn mir jemand mitteilt, wie er fühlt und was er braucht.

Wenn mir jemand sagt: „Ich wünsche mir, dass ich deine Aufmerksamkeit habe wenn ich mit dir spreche. Weil mir das, was ich dir sagen möchte sehr wichtig ist. Und es fällt mir auch etwas schwer.“
Klingt das eben nicht nur anders, als: „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“. Sondern fühlt sich auch anders an.

In den Kommentaren auf Facebook las ich, dass andere Menschen Ich-Botschaften als egoistisch aufnehmen oder auch formulieren: „Immer sprichst du nur von dir!“. Das kann verschiedene Ursachen haben: Jemand konnte sich nicht verständlich machen oder ein Mensch war – aus verschiedenen Gründen – nicht in der Lage von Herzen zuzuhören. Vielleicht fehlte auch der Teil, in dem dann auf die Bedürfnisse des anderen Menschen eingegangen wurde.

Das braucht alles Übung und ist ein Prozess!

Sich aus der konditionierten Sprache und vor allem dem Denken zu befreien, braucht Zeit. Ich-Botschaften sind auch nicht nur Teil einer Sprache, sondern sie entsprechen meinen Werten und meinen Vorstellung eines achtsamen Umgangs miteinander.
Ich bin noch mittendrin in dem Prozess. Und ich bin wahnsinnig dankbar für die Menschen in meinem Leben, mit denen das möglich ist. Es ist bereichernd und ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen.

Zum Abschluss noch eine kleine Selbstoffenbarung:

Ja, am Anfang als ich dann endlich lernte, meine Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken, da bin ich auch manchmal übers Ziel hinausgeschossen. Die reine Entdeckerfreude und ich wollte es ausprobieren. Es dauerte eine Weile, bis ich hier die Balance gefunden hatte. Das mal so von mir, weil vieles zur Gewaltfreien Kommunikation und Achtsamkeit oft so einfach klingt. Ich bin versehentlich in viele Kommunikationsfettnäpfchen gelatscht oder sogar freudig mit Anlauf rein gesprungen. Auch das gehörte und gehört für mich zu meinem Lern- und Wachstumsprozess.

Namasté,
mindfulsun

P.S. von Béa: Habt ihr noch Fragen zu Ich-Botschaften? Ihr seht, ihr inspiriert mindfulsun!


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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