Wie viel Emotion ist „zu emotional“? Nach welchem Maßstab sind wir „zu“ irgendwas?



Dieser Gedanke hat sich in einem Gespräch mit unserer Gastautorin Darksun vor einigen Tagen entwickelt. Da sie die Meisterin der Selbstreflektion ist, hat sie das hier noch mal gut und selbstkritisch auseinander genommen. Wertvoll, darüber nachzudenken, wenn wir Menschen als „zu“ irgendwas abstempeln. Oder sie uns. Oder unsere Kinder.

Ab hier schreibt Darksun:

Zu viel / zu wenig / unzureichend / genau richtig. Wer entscheidet das?

Nachdem ich in den letzten Tagen wiederholt ein „Du bist zu emotional und sensibel“ gehört habe, wollte ich mal laut drüber nachdenken… für uns alle.

Oder nennen wir es: Rechtfertigen.
Das ist zumindest ehrlicher.

„Ich bin hochsensibel. Ich bin emotionaler, als andere Menschen. Ein ZU emotional gibt es nicht. Das wertet meine Gefühle ab.“ Emotionale Invalidierung heißt das in Fachkreisen. Psychologie und so. Kann man alles im Internet nachlesen.

Laptop raus, Dokument auf, in die Sonne geblinzelt, nachgedacht und dann: HALT!

Mir fiel tatsächlich etwas auf. Während andere Menschen mich als zu sensibel, zu weich, zu emotional bezeichnen, denke ich das auch oft in umgekehrter Richtung: Ich finde Personen unsensibel, nicht emphatisch genug, nicht sanftmütig, nicht dies und nicht das.

Zu viel / zu wenig / unzureichend / genau richtig. Wer entscheidet das?

Das ist eine Wertung, die sich eigentlich niemand erlauben kann. Niemand kann sich hinstellen und über andere urteilen.
Ich habe diesen Fehler auch gemacht: Während mir meine Hochsensibilität vorgeworfen wurde, habe ich anderen Menschen emotionale Kälte unterstellt und meine Sicht eifrig verteidigt.

 Und genau das ist es. Ich habe die Menschen aus MEINER Sicht und meinem Empfinden beurteilt.

Aber was ist daran schlimm, sich ein Urteil zu bilden?

Oft genug, wenn man sich ein Urteil über andere Menschen bildet, entwickelt sich eine Erwartungshaltung. Jegliche Reaktion des Gegenübers wird dann durch meine Erwartungen bestimmt. Ich stecke den Menschen in eine Schublade. Eine Schublade, in die er eigentlich aber nicht gehört.

Ich gehöre ja auch in keine Schublade, 

„zu viel / zu wenig / unzureichend / genau richtig“
Ich werde versuchen, davon zukünftig abzusehen.

Was für mich zu viel ist, ist für einen anderen zu wenig.
Was für mich nicht ausreicht, ist für einen anderen Menschen bereits Überfluss.
Was ich als perfekt empfinde, empfinden andere als mangelhaft.

Im Umgang mit anderen Menschen heißt das für mich: Wenn ich emotionale Reaktionen nicht verstehe, kann ich nachfragen. Nachvollziehen muss ich es nicht unbedingt. Akzeptieren heißt für mich das Zauberwort. Denn verstehen, kann ich es nicht in jedem Fall.

Vor zwei Tagen hatte mein Sohn eine heftige Auseinandersetzung mit einem anderen Kind.
Ich sagte: “Nimm es dir nicht so zu Herzen, er ist eben ein wenig unsensibel!” Da wird der Grundstein gelegt, in der Kindheit. Ich hätte zu meinem Kind sagen sollen: “Sprich mit ihm! Frage ihn, warum er so reagiert hat.”

Natürlich werde ich nicht mit allen Menschen umgehen können und wollen. Ich empfinde Menschen, die nicht besonders empathisch sind als nicht sehr angenehm. Aber ich bin gespannt auf die Antwort, wenn ich das nächste Mal fragen werde: „Warum hast du gerade so reagiert?“

Vielleicht werde ich ja überrascht.

Vielleicht würde der eine oder andere auch besser verstehen, wenn er mich fragt: „Wieso bist du in diesem Moment so emotional?“ Anstatt mir vorzuhalten: „Du bist ZU sensibel.“

So zurück zur Fachsprache: Emotionale Invalidierung geschieht also, wenn das emotionale Erleben und Verhalten eines Menschen von seiner Umwelt entwertet oder für ungültig erklärt wird. Wenn ich das mit mir und andere nicht machen möchte, muss folgendes sich auf meine Gehirnwindungen einprägen:

Wie ich einen Menschen wahrnehme, bestimmt ihn nicht.
Wie mich andere Menschen wahrnehmen, sollte mich nicht bestimmen.

Praktischer Kommunikationstipp:
Ein „Ich empfinde dich als zu sensibel / unsensibel“, statt „Du bist zu sensibel / unsensibel“ ist ein guter Anfang. Wahlweise für Lehrer, wenn es sich um eure Kinder handelt: „Ich empfinde Ihr Kind als zu ruhig / unruhig… etc”.

Das würde sicher oft schon hilfreich sein.

Was meint ihr dazu? Tappst ihr auch in die Falle?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Tamara
Antworten 13. Januar 2018

Vielen Dank für diesen interessanten Artikel! Es ist doch im Endeffekt diese alte Sache, die Person, die etwas tut oder in einer Art und Weise (re)agiert von der Sache, die getan wird, zu unterscheiden. "Du bist zu sensibel" stellt eine ziemlich allgemeine und kaum zu verstehende Tatsache in den Raum, über die der/die Angesprochene sich sehr wahrscheinlich persönlich angegriffen fühlt. Sage ich aber zB "Ich finde dein Verhalten in der Situation xy zu nachlässig" gelangt man automatisch auf eine andere Gesprächsebene, die konstruktive Kritik zulässt, ohne zu verletzen etc. Das ist aber nichts Neues..diese Ich-Botschaften stammen von Thomas Gordon. Waren damals Bestandteil der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin... Lange Rede, kurzer Sinn, ich bedanke mich herzlich für die Erinnerung daran, Widder öfters Ich-Botschaften zu versenden!

    Béa Beste
    Antworten 14. Januar 2018

    Vielen lieben Dank auch für diese Reflexion! Ja, letztenendes kommt es wirklich auf die Ich-Aussage an! Liebe Grüße, Béa

Ellen
Antworten 14. Januar 2018

Ich denke in jeder Art von selbst Sicht oder Fremdsicht geht es um Achtsamkeit und Wertschätzung.
Mir selbst gegenüber aber auch einer anderen Person gegenüber.Gleichgültig ob sie mir bekannt oder fremd ist.
In dieser Form des mit einander umgehens kann ich nicht verletzt werden aber verletze auch nicht.
Besonders wenn es um Emotionen geht!

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